Resonanzkatastrophe
(Projekt mit Rahel Sohn, Pianistin. Eine Kurzgeschichte für die KulTour in Baden.)
Der Specht und der Baum… Die Käfer regen sich. In den Ästen tief im Wald hängen Kleider. Wer schüttelt, wird nass. Erzählen macht feige. Der Wolf beisst nicht in den Kopf. Würmer schiessen aus dem Boden. Der Regen klopft.
Deine Finger schweigen? Die Tasten ankern zwischen den Tasten. Die Pedale hängen in der Federung. Harmlos harren die Hammerköpfe. Den Saiten ist nichts anzumerken. Parallelen, die nichts miteinander zu tun haben. Von Gussrahmen zu Gussrahmen erstarrte Wäscheleinen, durch die keine Luft weht. Das Damals ging rasch Zigaretten holen und kam niemals wieder. Eine Armee von Mutanten belagert den Ausgang der Höhle. Feige zu sein, braucht Mut. Spiel mir ein Lied. Spiel mir ein Lied, bevor du gehst.
***
„Hörst du das?“, fragtest du leise. Ich horchte, der Wagen surrte, das Wetter rauschte, ich konnte nichts Aussergewöhnliches feststellen und gab keine Antwort. Es regnete. Wir folgten der Bewegung des Autos. Es regnete schon die ganze Woche. Die Worte waren uns ausgegangen. Wir fuhren – du am Steuer, ich am Fenster – das Tal hoch. Über die Bergkämme quollen die Wälder wie der Schaum in der Badewanne. Der Nebel schlierte Kobolde an die Wälderwand, langfädige Ungeheuer, die sich die Abhänge hoch wanden und immerzu neue Gewänder erfanden. Über dem Tal drückte das Dunkelgrau den Tag in die Dämmerung zurück. Selten kamen uns Scheinwerfer entgegen, vielleicht zweimal, vielleicht dreimal. Zu lesen gab es nur die Ortsschilder, deren Wortklänge ich mir auf der Zunge zergehen liess: Castaneda, Buseno, Arvigo. Dazu das Brummen des Motors, die gelegentlichen Böen, die irgendwo durch die Spalten der Karrosserie schlüpften und ein Pfeifen verursachten, das Prasseln des Regens. Und du, die du der Apokalypse ein Lächeln unterlegtest, fordertest mich auf, dir eine Geschichte zu erzählen. Ich lag noch in den Kissen der Kurven und dröselte mich in Nichtigkeiten. Deine Worte kamen so plötzlich wie der kleine Prinz aus der Wüste: Dessine-moi un mouton! Ich verstand nicht. Ich solle dir eine Geschichte erzählen. Unbeholfen wie Saint-Exupérys Zeichnungen war mein Gestammel und ich rettete mich in einen Gedanken, der mir während eines Konzerts gekommen war, als du lange Pausen zwischen die Lieder schobst und ich mich in der Stille verlor. Mir war gewesen, als würdest du die Melodien wie ein Bildhauer aus der Stille schlagen, als wäre das Lied schon da, eingehüllt, dicht, kompakt, und deine Finger legten frei, vorsichtige Hammerschläge, was in der Stille des Raumes bereits vorhanden war.
Ich erzählte dir davon, derweil sich die Strasse an das Flussbett der Calancasca schmiegte. Bald bog die Strasse wieder weg. Du schaltetest hinunter, zogst in die Kurve an einem Steinhaus vorbei, dessen Fensterläden geschlossen waren. Links und rechts an den Rändern der Strasse hatten sich Bäche gebildet. Ich legte den Kopf auf die Stütze. Es sei anders, sagtest du. Nicht aus der Stille entstünde die Musik. Aus einem Ton. Ich blickte zur Wolkendecke hoch, vor deren Dunkelgrau sich die Nebelschlieren zu einem Tanz aufboten. Aus einem Tod? Für einen Moment liess der Regen nach und die Scheibenwischer begannen zu quietschen. Ich wandte meinen Kopf, betrachtete das Profil und den Ausdruck deiner Konzentration, die Locke, die dich nicht störte, behielt meine Hand bei mir, schaute auf den Tacho, knappe vierzig, nahm den Kopf zurück, blickte wieder hoch zu den Nebelschlieren, die sich über den Kamm zurückzogen, gleichsam drehend, spiralförmig, als hätten sie sich zu weit vorgewagt. Der Regen prasselte wieder los und das Quietschen der Scheibenwischer verstummte. Ich stellte mir vor, wie die Seele eines verstorbenen Menschen das Lied nährte, wie das Lied wuchs, dem Diesseits entgegen, wie die Seele ihre Flügel ausbreitete und wie sie, verwoben mit den Klängen, wieder davon flog, hoch in die Lüfte, und mit ihr die Melodie, diese Girlande. Ich schloss die Augen und von Ferne hörte ich die Sirene eines Krankenwagens. Noch immer fuhrst du langsam, als klebte die Landschaft an den Scheiben, an den Rädern, und als verheddere sie sich allmählich in den Achsen. Ich fragte nach: Aus einem Tod?
Nein, sagtest du, aus einem Ton. Es sei, als ob das Gemurmel der Welt – das Dröhnen der Lebenskräfte, das Säuseln der Sehnsüchte, das Summen der Illusionen – sich in einen Ton sammle, der durch alle Marktschreie hindurch hörbar bleibe, ein immergleicher Ton, ohne Unterbruch, der sich durch alle Gespräche ziehe, Pendlerzüge begleite und das Blätterrascheln im Wald. Nicht lauter werde er, nicht leiser, ein gleich bleibender Ton, unaufdringlich, der Vergessenheit nahe, erreiche er doch jedes Ohr und bleibe gegenwärtig. Dieser Ton, wenn du am Klavier sitzest, schwinge in dir. Dumpf. Leise. Tief drinnen. Wie ein Kern. Der Ton. Wie ein Kern aus Glas. Oder Stein. Ein einziger Ton. In deinem Körper.
Und dann zerbreche dieser Ton. Zerbreche in tausend Stücke und du spielest. Legest diese Splittertöne auf die Tasten, bietest ihnen Zeit, Raum und Farbe. Nein, nicht wie ein Urknall sei das, eher wie ein Abbrechen, bröckelnde Schieferplatten, die sich im Wechsel von Wärme und Kälte lösten und nachgäben, kleine Felsstürze vielmehr, so wie sie in diesem Tal noch oft vorkämen. Vielleicht käme daher das Zittern, das dich jeweils vor dem Spiel überfalle. Vielleicht käme daher auch die Ruhe, die du dann während des Spiels verspürtest. Die Schwingungen, die in dir vibriert hätten, übertragest du den Tasten, Pedalen, Hammerköpfen, Saiten, übertragest du der Luft. Ein Atmen sei es. Oder dann käme es dir auch vor, als hielten die Finger die Scherben ins Licht, dass sich das Licht darin bräche wie in einem Prisma und alle Farben ins Sichtbare rückten.
Eine Krähe startete von einer Wiese, die an einigen Stellen bereits Wasserlachen bildete, flog – kaum zehn Meter über Boden – in Fahrtrichtung vor uns her, drehte dann in einem weiten Bogen ab und kehrte zur Wiese zurück. Dass es der Krähe gelang, trotz dichten Regens in die Luft zu kommen, verwunderte mich. Ich suchte Erklärungen aus der Schulzeit, sah die Zeichnung einer Feder vor mir, die Häkchen, die sich ineinander verhakten. Pythagoras, so fuhrst du fort, hätte versucht, die ganze Welt mathematisch zu erklären. Auch die Musik. Er habe Saitenlängen gemessen und sie mit Tonschritten verglichen. Er sei der Auffassung gewesen, die Konstellation der Himmelskörper gehorche einfachen Zahlenverhältnissen und die Musik sei ein Abbild des Kosmos. Es gehe aber nicht um das Abbild, fändest du, es gehe um die Abfolge, ums Verlorengehen und ums Ergreifen. Viele Tonsplitter würden dir durch die Finger rinnen. Sie verstummten oder fielen zurück in den Dauerton. Andere wiederum könntest du gerade noch halten, sie auf die Tasten bannen und mit etwas Luft versehen. Manche hingegen rutschten dir direkt in die Hände und kraftvolle Terzen und Quinten perlten durch die Luft.
Wir fuhren in ein Dorf ein. Selma hiess es, dieses triefend nasse Dorf. Die Häuser waren dunkel. Das Gasthaus, vor dem wir parkierten, war geschlossen. Bevor du weiterfuhrst, hattest du – die Hand am Zündschlüssel – einen Moment gezögert. Es war kein Mensch zu sehen. Kein Licht auszumachen. Nirgends. Das Dorf schien ausgestorben. Ob ich höre, dass, obwohl genau zwölf Uhr sei, keine Glocken schlügen. Dort sei aus Stein der Kirchturm mit dem Zeltdach, wozu dann die Glocken in seinem Innern, sagtest du und ich erkannte das Zittern in deiner Stimme. Selma war der Name unserer Tochter, die nie geboren wurde. Du fuhrst aus dem Parkplatz und wir setzten unseren Weg fort, verliessen das Dorf und die steilen Talhänge links und rechts rückten näher.
Ich solle dir eine Geschichte erzählen, sagtest du wieder. Der Regen nahm zu. Auf der Frontscheibe verschwamm das Bild der Strasse. Die Wiesen waren leer. Keine Kühe, die weideten. Keine Schafe, die grasten. Nur Wolken, Nebel und Regen. Ich wusste keine Geschichte und wir schwiegen. Du nahmst die Kurven nun mit Tempo und beschleunigtest, sobald sich ihr Radius auftat. Ich dachte an die Melodiesplitter, deren Schwingungen du in die Luft übertrugst, an das Atmen, das dieses Schwingen erst ermöglichte, an das Licht, das sich in den Scherben brach. Gerne hätte ich dir eine Kiste gezeichnet, eine mit einer Geschichte drin, eine mit Luftlöchern für die lange Reise. Gerne hätte ich die Kiste gefüllt mit abgebrochenen Bildern und Worten, die meine Finger gerade noch zu fassen kriegten.
Die Nebelfetzen verzogen sich nun endgültig. Zurück blieb die Wolkenmasse, die das Tal verschloss. Ich rezitierte das Gedicht der Ortsschilder: Cauco, San Domenico, Augio. Nun war es die Geschwindigkeit, mit der wir durch die Kurven schossen, die die Landschaft verschmierte. Meine Hand fasste nach dem Griff über dem Fenster und ich starrte die Leitplanke an. Die Musik ist eine Kiste mit Luftlöchern für die lange Reise, dachte ich. In der Kiste döst ein Schaf, das später das Unkraut frisst. Am Ende des Tals machte die Strasse eine Schlaufe. Wendeplatz, erklärte das Verkehrsschild. Ich atmete auf und griff nach deiner Hand. Du zogst sie zurück.
***
Der Specht und der Baum… Die Käfer regen sich. In den Ästen tief im Wald hängen Kleider. Wer schüttelt, wird nass. Erzählen macht feige. Der Wolf beisst nicht in den Kopf. Würmer schiessen aus dem Boden. Der Regen klopft.
Deine Finger schweigen. Die Tasten ankern zwischen den Tasten. Die Pedale hängen in der Federung. Harmlos harren die Hammerköpfe. Den Saiten ist nichts anzumerken. Spiel mir ein Lied. Spiel mir ein Lied, bevor du gehst.


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