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Annalee Newitz über Avatar: “White Guilt Fantasy”

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Weisse Amerikaner machen Filme wie Avatar, Dances with Wolves und The Last Samurai, weil sie so ihre historische Schuld, die Auslöschung der indigenen Bevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent, in produktive Vorstellungswelten sublimieren können.

Das ist die These, welche Annalee Newitz in ihrem Essay aufstellt, der im Internet auf io9.com veröffentlicht wurde und seither in den USA zu Diskussionen geführt hat. Hier ist der ganze Artikel zu lesen: http://io9.com/5422666/when-will-white-people-stop-making-movies-like-avatar

Man muss nicht Newitz’ Meinung sein, um zu erkennen, dass ihre Überlegungen zumindest einen wohlwollenden Gedanken wert sind. Die Na’vis tragen Federn, beten zu Naturgottheiten, zieren ihr Gesicht mit Kriegsbemalungen, benützen Pfeil und Bogen und leben in Stämmen. Sie entsprechen also demselben Darstellungsmuster wie die Indianer in den alten Westernfilmen. Die Menschen kolonisieren Pandora, um an den wertvollen Bodenschatz Unobtainium zu kommen. Jake Sully ist einer der Soldaten, die in einem Na’vi-Körper (Avatar) die Ureinwohner davon überzeugen soll, ihr Land zu verlassen und sich anderswo niederzulassen. Jake Sully assimiliert sich nicht nur problemlos an die Kultur der Na’vis, sondern wird sogar ihr Anführer.

Und hier wird Newitz’ Argumentation spannend. Statt die Geschichte aus der Sicht der Na’vis zu erzählen, wird sie aus der Sicht eines weissen Amerikaners erzählt, der in der fremden Kultur- und Kriegstechnik gleich zum Allerbesten aufsteigt und sie, statt zu unterdrücken, von innen her anführt. Das sei eine Wiedergutmachungsfantasie, die nicht ganz frei von Überlegenheitsgefühlen ist.

Screenology #28: Soul Kitchen

SoulKitchen

(Illustration: Emma Isacson)

Henry ist lieb. Henry ist gut für einen belanglosen Abend. Und Henry kommt mit mir in die Seelenküche, wo von der ersten Szene an klar wird: Hier kocht einer, der sein Handwerk versteht. Wie die Kamera den Schauplatz einfängt, eine Abrisshalle, in der eine Fress- und Saufbude steckt, wie sie mit dem heranfahrenden Auto mitgeht, eine dieser vielen Seitwärtsfahrten der Kamera, und wie Fatih Akin just in dem Moment schneidet, als wir denken: ‘Jetzt steigt einer aus, geht zur Türe, öffnet sie, geht hinein’, zeigt von Anfang an, hier kann man sich zurücklehnen und sich an der Geschichte freuen.

“Das wird gut”, sage ich und stupfe Henry mit dem Ellbogen. “Ja, meinst du?”, flüstert mir Henry zu, lehnt sich dabei weit zu mir und hält die Hand vor seinen Mund, damit sich ja niemand gestört fühlt. “Ja, das meine ich”, sage ich absichtlich laut. “Zieh dir mal die Kamera rein. Sie steht immer am richtigen Ort. Und wenn sie sich bewegt, ist es immer grad interessant und passt zu den Gefühlen. Hier am Anfang zum Beispiel mit diesen Dollyfahrten gleiten wir richtiggehend mit der Kamera und den Personen in die Geschichte.”

Henry weiss für einen Augenblick nicht recht, wie er reagieren soll. Wenn er nichts erwidert, verstumme ich vielleicht endlich. Aber gleichzeitig könnte ich ihn unhöflich finden. Er nickt mir unentschlossen zu und widmet sich konzentriert der Leinwand. Tristan hätte laut “Jamann!” gerufen. In der Pause fragt Henry: “Soll ich dir ein Eis holen?” Ich frage zurück: “Ein Ice-Bier? Nein, danke, ich nehme lieber ein richtiges Bier.”

Zinos Leben, Zino ist der Besitzer der Soul Kitchen, geht den Bach runter. Die Freundin geht nach Schanghai und verliebt sich in einen Schinesen, sein Bruder kommt aus dem Knast und verspielt das Restaurant, der Hexenschuss bleibt beharrlich im Rücken stecken und der Gourmetkoch weigert sich Fritteusenfood zu kochen.

“Find ich geil, wie manchmal nach dem Schnitt Zeit und Ort wechseln, aber das Gespräch unlogischerweise kohärent bleibt. Jump Cuts der anderen Art.” Wieder schaut Henry verwirrt und ich nehme mir vor, nichts mehr zu sagen, bis der Film zu Ende ist. Aber jetzt fängt Henry an: “Also, wie meinst du das denn?” Ich antworte: “Denkst du, wenn es Gaumenrassisten gibt, die nur essen, was sie kennen, gibt es dann auch Augenrassisten, die nur Hollywood schauen?”

Tristan hätte gelacht. Ach ja, der Plot: Die einen kommen sich näher, die anderen gehen auseinander. Und hier die wirklich artikulierte Kurzkritik: ein paar berührende Momente, ein paar weise Weglassungen in Bezug auf die Story, ein paar spielfreudige Schauspieler und dann halt doch noch ein paar doofe Billigwitze. Schauen!

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(Soul Kitchen, De 2009, Regie: Fatih Akin, Schauspieler: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel)

David Lynch und “Return of the Jedi”

Wer hätte das gedacht? George Lucas hat David Lynch als Regisseur für einen Star Wars angefragt. Damals. Nur schon die Tatsache der Anfrage ist amüsant. Und amüsant ist, wie David Lynch diese Anekdote erzählt.

Lynch

Best of 2009

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1. The Limits of Control (Jim Jarmusch)

Ein leiser, aber kraftvoller Film, der Bilder aus der Grenzwelt zwischen Traum und Wirklichkeit auf die Leinwand zaubert, ein Nachgrollen in festgefahrene Sehgewohnheiten donnert und die Dominanz der westlichen Zeichenwelt an den Pranger stellt.

2. Inglourious Basterds (Quentin Tarantino)

Von nun an mein liebster Tarantino, dem ich erst die alten Zwiespältigkeiten angelastet habe, der nun aber wächst und wächst, mir vor allem ans Herz. Kino, das sich nicht nur gegen die Geschichte stellt, vielmehr gegen die Zeichengewalt der Nazis und gegen den stets hilflosen Versuch der (Kino-)Kultur sich von den Gegenzwängen, welche diese Zivilisationskatastrophe hinterlassen hat, zu befreien.

3. Antichrist (Lars von Trier)

Der Mann, die Frau, das Kind. Es stirbt. Zurück bleibt eine gefährliche Mixtur aus Bibel, Mittelalter, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche. Ein verstörender Kampf von Mann und Frau in der Natur (gegen die Natur) bricht aus.

4. Der Knochenmann (Wolfgang Murnberger)

Krimi der anderen Art. Ein paar wenige, markante Schauplätze, die einem treibenden Plot eine Bühne bieten. Schauspieler, die ihre Eigenarten gerade eben in ihrem funktionierenden Miteinander zur Geltung bringen. Und ein schwarzer Humor, der Skurillität und Situationskomik verbindet. Selten so gelacht.

5. Zack and Miri Make a Porno (Kevin Smith)

Ein Film über Freundschaften. Hauptsächlich. Und über die Liebe. Die Story ist eine Parodie auf die immergleichen romantischen Komödien und könnte leicht misslingen. Kevin Smith gelingt das Kunststück, aus einer aberwitzigen Geschichte, die vor allem aus deftigen Sprüchen und manch einer Geschmacklosigkeit besteht, den berührendsten Film des Jahres zu machen.

Flügelspitzen

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Auszug aus der fünfteiligen Serie Flügelspitzen.

Screenology #27: Whatever Works

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(Illustration: Emma Isacson)

Es regnet. Seit zwei Monaten regnet es. Seit Wochen wächst meine Liste der unerledigten Dinge in die unendlichen Weiten des Weltalls. Ich sitze am Computer und beantworte E-Mails, deren Dringlichkeitsstufe die Kündigung der Freundschaft erreicht haben. Ich sollte noch… Dabei ist heute Sonntag. Dies und jenes… Sonntagnachmittag. Temporalinsolvenz nennt man die Unfähigkeit, die Zeit und die Aufmerksamkeit, die man Familie und Freunden schuldet, zurück zu zahlen. Ich nehme Jacke und Schirm und verschwinde ins Kino.

Sie fragt: „Wo möchten Sie sitzen?“ Ich antworte: „Egal.“ In jeder Reihe befindet sich ein Pärchen. Ich frage mich, ob es verkaufsstrategische Regeln gibt, wie die Kinoplätze zu vergeben sind. Jede Ticketverkäuferin hat so ihre Methode. Manche füllen erst die Reihenmitten, manche lassen für eine gute Sicht vorerst die jeweiligen Vorderplätze frei. Und manche verteilen die Grüppchen mit möglichst grossen Abständen in die Kinoreihen.

Ich habe also eine Reihe für mich und freue mich auf Plauderwoody. Gleich zu Beginn bricht Boris Yellnikoff (Larry David) die vierte Wand und spricht zum Publikum. Das ist zwar, wenn auch nicht neu, eine lustige Idee – schliesslich sieht Boriswoody das grosse Ganze, wie er immer sagt –, leider versanden seine Sprüche nach und nach in der trockenen Luft des Kinosaals.

Boris Yellnikoff, die typische Woody-Allen-Figur, ist alt und Misanthrop aus Überzeugung und erzählt die typische Woody-Allen-Geschichte. Als selbsternanntes Genie, ehemaliger Physikprofessor in Quantenmechanik, trennt er sich von seiner Frau, überlebt einen Selbstmordversuch und lehrt nun Kindern Schach, indem er sie fortlaufend beleidigt. Eines Nachts trifft er eine junge Ausreisserin (Evan Rachel Wood), die sich bei ihm einquartiert und die er nicht mehr los wird. Sie ist die dramaturgische Antipodin, naiv und lebensfreudig. Sie heiraten.

Nun werden die Beziehungsmöglichkeiten durchdekliniert. Die Mutter der jungen Braut hält sich eine ménage à trois. Der Vater wird schwul. Die Braut selbst wendet sich einem Jüngeren zu. Und Boris trifft beim zweiten Selbstmordversuch eine Hellseherin. Mir ist’s egal.

Larry David bringt die intelligente Bitterkeit seiner Rolle nie überzeugend auf die Leinwand. Seine Lebensfeindlichkeit wirkt aufgesetzt wie bei einem kleinen Kind, das getröstet werden möchte. Das Drehbuch pflatscht gegen das Ende hin irgendwelche Beziehungsgeschichten auf die Story, ohne sich um die Figuren zu kümmern. Ich bin dafür, dass wir Woody einen Temporalbonus ausbezahlen, damit er wieder aus New York kommt und sorgfältige Drehbücher schreibt.

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(Whatever Works, USA 2009, Regie: Woody Allen, Schauspieler: Larry David, Evan Rachel Wood)

Zerplüschtes

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Auszug aus der zehnteiligen Serie Zerplüschtes zum Thema Selbstmord.

Hollywood in Canne$: Die Geschichte einer Hassliebe 1939-2008

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Christian Jungen hat seine Dissertation über das wechselhafte Verhältnis zwischen den einflussreichen Filmstudios in Hollywood und dem um Reputation bemühten Filmfestival in Cannes geschrieben und nun beim Schüren Verlag veröffentlicht.

Herausgekommen ist eine übersichtliche Geschichtsschreibung des Festivals, dessen Werden er in vier Epochen aufschneidet, um die unterschiedlichen Abhängigkeiten aufzeigen zu können. Die politischen Querelen und die Föderungsbemühungen des Nationalkinos beherrschten die Anfangszeit von 1939-1968. Das Aufkommen der Auteurschaft (Fellini, Bergman, Truffaut, Fassbinder) fand in den USA erst während des New Hollyood (The Graduate, Easy Rider) Beachtung und führte zu einer künstlerisch-kommerziellen Eintracht zwischen Hollywood und Cannes (1969-1981). Das Blockbuster-Kino der 80er- und 90er-Jahren trieb die beiden wieder auseinander (1975-1997). Hollywood war nicht bereit, das Risiko einer Stigmatisierung durch das Kunstlabel Cannes einzugehen. Die neuesten Veränderungen, welche das Internet und der DVD-Verkauf mit sich brachten, führten dazu, dass grosse Filme weltweit am gleichen Tag gestartet werden müssen, was einen immensen und gezielten Marketingaufwand bedingt. Da kommt Cannes gerade recht: 1994-2008.

Detailreiche Erzählungen zeigen die kommerziellen und politischen Abhängigkeiten auf. Das ist spannend und aufschlussreich. Die vernetzte Betrachtungsweise vermeidet eine einseitige Erklärung. Auf die Bedeutung des Startums geht Jungen ein, die Rezeptionskultur wird einbezogen, die Mechanismen der Mediensteuerung werden erwähnt, Tratsch und Klatsch ausgebreitet, Entstehungsgeschichten nacherzählt, der zeitgenössische Einfluss und simples Menscheltum einander gegenübergestellt. Da kommt viel zusammen und könnte leicht auseinander fallen. Weil aber die verschiedenen Facetten konsequent zur Ausleuchtung des Phänomens “Hollywood in Cannes” dienen, bleibt die Stringenz erhalten.

Die flüssige Schreibe Jungens erinnert an den Stil eines Journalisten. Aber wen wundert’s, schliesslich ist er einer. Manchmal ist mir der Plauderton dann aber doch zu viel, fehlt mir eine deutlichere theoretische Vernetzung und werden die Fallbeispiele gar ausführlich ausgebreitet.

Das führt zu Wiederholungen. Punkte, die längst klar geworden sind, werden noch einmal in einem neuen Zusammenhang aufgegriffen und erklärt. Zudem hat das Lektorat geschlampt. Ungewöhnlich viele Rechtschreibefehler stören leider das Lesevergnügen.

Am besten gefiel mir Jungens Humor, der oft und unaufdringlich durch manche Bemerkung drückt. Ich habe viel geschmunzelt. Dann aber fällt das Schlusswort  gar versöhnlich aus. Hier hätte ich mir mehr Biss gewünscht und nicht nur eine Aufzählung von Lieblingsfilmen. Es ist ja nun nicht so, dass Cannes sich nicht auch für einen anderen Weg entscheiden könnte.

Der langen Rede kurzer Sinn: lesen! Hier geben sich Vergnügen und Erkenntnis die Hand.

(Christian Jungen: Hollywood in Canne$. Schüren 2009)

Screenology #26: Die Ballade von Narayama

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Tristan lachte. „Schlitzaugenkino, das von Cannes geweiht wurde? Versteht eh keine Sau, vergiss es. Ich zieh mir Emmerich und sein Untergangsgekrache rein. Trink du hübsch deinen Sake und mach ein ernstes Gesicht.“ Tristan hängte auf. Ich fragte den Summton: „Und mit wem gehst du 2012 schauen?“

Sara druckste. „Ich weiss nicht, ob ich bei dem Regen noch einmal raus gehe. Mal schauen. Aber ins Orient mag ich nicht. Vielleicht später im Rebstock.“ Ich verstand kein Wort von dem, was Sara mir sagte. Die Eifersucht brüllte mir unentwegt ins Ohr: Sara und Tristan.

Das ist das Problem am Orient. Da geht man alleine hin. Und man geht alleine nach Hause. Ich stapfe über das glitschige Laub am Strassenrand und der bleischwere Regen sickert durch die Jacke in mein Gemüt. Als ich das Kino betrete, heben die Haarfärbeverweigerer, die in der hintersten Reihe ihre Schuhe bereits ausgezogen haben und an ihrem Primitivo nippen, ihre Köpfe und schenken mir ein seliges Lächeln. Ich grüsse nicht zurück, bestelle ein Bier und setze mich in eine freundlichkeitsfreie Zone.

Das Kino stinkt wie ein nasser Hund und dem Film gebe ich keine Chance. Doch dann bringt mich die Kamera in ein verschneites japanisches Dorf von damals und setzt mich für zwei Stunden in eine wuchernde Welt, an der sich meine wunde Seele glücklich reibt. In diesem Dorf in der Abgeschiedenheit der Berge, in dieser Grauzone zwischen Natur und Kultur entfaltet sich eine Geschichte mit den bekannten Ingredienzien des Dorflebens: dem Dorftrottel, der weisen Alten, dem Raffgierigen, der Selbstlosen. Die ganze Leinwand strotzt vor Physik und Geographie. Das Feuer knistert. Die Suppe blubbert. Der Reis pappt. Der Bach plätschert. Die Blätter rauschen. Die Äste knacken. Die Felsen überragen mächtig das fleischige Leben. Die Enge der Gemeinschaft stürzt sich auf die Schwachen. Die Menschen schreien, raufen sich die Haare, verharren, stampfen und zelebrieren die pralle Existenz. Das tut gut.

Mit kurzen Tierfilm-Einblendungen – kopulierenden Fröschen, fressenden Insekten, verwesenden Mäusen – drängt uns Imamura seine Frage auf: Was unterscheidet die Menschen von den Tieren? Plötzlich Pause. Ich hole mir ein Bier und kontrolliere mein Natel. Kein SMS von Sara. Ich schreibe ihr: Und? Das Saallicht dimmt ins Dunkel, die Vorhänge öffnen sich und nach dem Frühling und dem Herbst kommt nun der Winter. Orin, die 69-jährige Mutter, will vor dem Schneefall auf den Berg Narayama steigen, wo sie durch ihr freiwilliges Dahinscheiden den Nachkommen den Segen des Berggottes schenken möchte. Und hier liegt das Kunststück des Filmes. Der lauten Brutalität der Natur stellt der Film eine leise Geschichte über das stete Miteinander und das grosse Loslassen gegenüber. Und mit dieser Mischung aus gewaltigen Bildern und schwelenden Gefühlen inszeniert Imamura auch den Schluss. Tatsuhei, Orins Sohn, trägt seine Mutter auf die Spitze des Berges Narayama, wo sich seit alters her die Siebzigjährigen zum Tode hinbegeben. Erst dann beginnt es zu schneien.

Beim Hinausgehen bringe ich die Bierflaschen zurück, lege Trinkgeld auf die Theke, verabschiede mich mit ehrlicher Stimme und halte den Leuten die Türe auf. Der Regen hat aufgehört. Ich atme die frische Luft ein, spüre die Vibration des Mobiltelefons, schaue nicht nach und spaziere nach Hause. Die ersten Flocken fallen.

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(Die Ballade von Narayama, Japan 1983, Regie: Shohei Imamura, Schauspieler: Sumiko Sakamoto, Ken Ogata, Aki Takejo, Misuko Baisho, Nijiko Kiyokawa)

Screenology #25: The Informant!

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(Illustration: Emma Isacson)

„Weisst du, das Ausrufezeichen im Titel…“, sage ich. „Hast du mit Sara gesprochen?“, fragt Tristan. „Ja, schon, aber was ich meine, das Ausrufezeichen…“ Wieder unterbricht mich Tristan: „Dann hat sie’s dir gesagt?“ Ich zögere. Wir sitzen in der Sirene und Ruedi stellt uns zwei Stangen auf den Tisch. Wir stossen an. Ich beginne von vorne: „Das Ausrufezeichen fasst so ziemlich genau zusammen, was das Problem des Films ist. Es schreit: Hallo, seht her, ich bin ironisch, ich will gesehen werden, ich bin stylisch.“ Tristan setzt das Glas an, nimmt einen kräftigen Schluck, lässt den Schaum auf der Oberlippe stehen und beugt sich vor: „HAT… SIE’S… DIR… GESAGT?“ Irritiert schaue ich mich um, ziehe die Augenbrauen hoch und flüstere: „Was denn?“

„Och, nichts“, gibt er zur Antwort und legt nun seinerseits los: „Matt Damon mit Fettbauch und Schnauz ist okay. Selbstgefällig wie es nur diese Businesstypen sein können. Meint, er sei ein Superhero, bloss weil er was ausplappert, um selbst gut dazustehen. Eine Ami-Version dieses Schredder-Meilis bei der UBS, weisst du noch? Und sich dann immer als Opfer sehen. Aber was sollte der Retro-Look des Films? Alles mit Weichspüler gefilmt. Ich musste dauernd an diesen Softporno denken. Emmanuelle. Sylvia Kristel. Mmmh.“ Tristans Blick verliert sich in der Ferne. Plötzlich dreht er sich zur Bar und ruft: „Ruedi, leg mal Bier nach.“ Dann wieder zu mir: „Wann spielt die Geschichte?“

„1992“, sage ich und hole Luft, aber Tristan fährt schon fort: „Eben. Siehst du? Und was zur Hölle ist eine bipolare Störung? Hat das was mit seinem ständigen Geplapper im Kopf zu tun? Die Geschichte ist wahr. Habe ich gelesen. Dort stand auch, dass Mark Whitacre Selbstmord begehen wollte, aber weil er sich so viele teure Sportwagen zusammengegaunert hatte, war die Garage zu gross und er konnte sich nicht ersticken. Ironie des Schicksals. Aber das ist natürlich im Film nicht zu sehen. Am Schluss wird nur noch geredet und geredet. Ist das etwa ein Theaterstück?“

Tristan steht auf. „Bestell noch eine Runde“, brummt er und geht aufs Klo. Ich schaue ihm fassungslos nach. Der Murmelteppich der Gäste breitet sich aus und meine Gedanken tollen herum. Kann es sein, dass Sara und Tristan… Er hat schon Recht, der Film ist geschwätzig und kommt selbstverliebt daher. Ich habe Sara nicht angerufen. Tristan weiss, dass ich ihn angelogen habe. Drei Filme pro Jahr ist wohl auch für Wunderkind Soderbergh zu viel. Eine Spur zu glatt, das Ganze. Da wäre noch einiges herauszuholen gewesen. Der unbedingte Wille zur Wertschätzung, die Inszenierungsvitalität und der Einfluss der Lüge auf die Identität, alles spannende Themen, die mit ein bisschen Swing überhüpft werden. Wo bleibt Tristan? Telefoniert er mit Sara? Den einzigen Close-up des Films bekommen wir in der Szene, in der er die Fälschung des Psychiaterbriefes zugeben muss. Da ist kurz ein Abgrund zu spüren, aber schon geht’s weiter mit der Schmunzelkomödie, die mich nie wirklich zum Lachen brachte. Mir gefiel die Unentschiedenheit, mit der wir der Hauptfigur begegnen müssen. Mark Whitacre ist gut und böse zugleich. Scheisse, Tristan, lass die Finger von Sara!

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(The Informant!, USA 2009, Regie: Steven Soderbergh, Schauspieler: Matt Damon, Melanie Lynskey, Scott Bakula)