Screenology #29: The Imaginarium of Doctor Parnassus
(Illustration: Emma Isacson)
“Ich wüsste gerne, welche Vorstellungswelt bei dir entstehen würde, wenn du durch diesen Spiegel gingest”, sage ich zu Barbara, die mir grad den Kopf über Heath Ledger vollgeschwärmt hat. Ja, er war ein Ausnahmetalent. Ja, es schauderte mich auch, als ich ihn dort hängen sah. Ja, er hat eine eindrückliche Leinwand-Präsenz. Können wir jetzt das Thema wechseln? “Erzähl du mir, wie du dir meine Parnassus-Welt vorstellst”, gibt Barbara zurück und schmunzelt, als hätte sie mir eine Falle gestellt.
Ich fühle mich herausgefordert: “Also gut. Du gehst durch den Spiegel und, ehm, und befindest dich in einem riesengrossen Kinderzimmer, in dem es von Kindern nur so wimmelt, die lieb miteinander spielen und…” Barbara hält ihren Kopf schief und runzelt fragend die Stirn. Ich fange von vorne an: “Nein, es ist anders, du spazierst durch Weimar zu Beginn des 19. Jahrhunderts und triffst Goethe und Schiller.” Barbara lacht: “Du kennst mich schlecht. Und wie würde mich der Teufel zu verführen versuchen?” Ich bin verunsichert: “Er würde vielleicht ein Kino aufstellen, das einen Film mit dem Titel The Imaginarium of Doctor Parnassus zeigt?”
“Ich glaube, da würde er verlieren”, sagt Barbara und streckt mir zwinkernd ein Zigarettenpäckchen entgegen. “Nein, danke”, sage ich. “Hat er dir nicht gefallen? Mir gefiel das Spiel mit der Vorstellungswelt, die mächtiger als die Realität ist. Mir gefiel die Spielsucht des Teufels, der nicht so sehr auf Vernichtung aus ist, sondern auf teuflische Wetten. Mir gefiel Heath Ledgers Rolle als Tony, der ein unverbesserlicher Schwätzer ist und mit seiner luschen Art viel mehr schmutzige Verführung ausstrahlt als Parnassus und der Teufel zusammen. Kein Wunder, dass die beiden ihn loswerden müssen.”
Wir stehen in der Kälte vor dem Kino. Barbara hört aufmerksam zu, schaut hoch zu den Sternen am Himmel und sagt: “Mag ja alles sein und ich hätte noch lange diesem absurden Jahrmarktswagen und seiner veralteten Bühne zuschauen können, aber die Sequenzen auf der anderen Seite des Spiegel fand ich irgendwie langweilig. Ich weiss nicht warum.”
Barbara atmet den Rauch aus und blickt wieder zu den Sternen hoch. Unwillkürlich folge ich ihrem Blick und habe plötzlich das Gefühl, als sei die Welt, in der wir leben, wunderlich genug. “Vielleicht”, beginne ich vorsichtig, “vielleicht haben die Szenen im Spiegel dasselbe Problem wie alle Traumsequenzen in Filmen. Sie stolpern über ihre Symbolhaftigkeit. Im Film leben die Dinge von ihrer Doppeldeutigkeit. Eine Rose ist zuerst einmal eine Rose, die ich mir als echte Rose, die geschenkt wird, vorstelle. Sie trägt möglicherweise die Bedeutung, die sie schon zuvor trug, eine rote Rose mag ein Zeichen der Liebe sein. Im Film kann sie weitere Bedeutungen mittragen. Im Traum wird die Rose zu einem simplen Symbol reduziert. Und das wird langweilig.”
“Mm-mh”, meint Barbara und hält ihre Hand dem fallenden Schnee hin. “Interessant fand ich es auch, die Tony-Schauspieler zu vergleichen. Jude Law war am schwächsten. Colin Farrell hat mir gut gefallen. Aber keiner kam an Heath Ledger heran.” Nicht schon wieder, denke ich und staune über den schönen Moment, wir hier unter dem eiskalten Nachthimmel und die Flocken beim Fallen. Wir verabschieden uns. Ich drehe mich noch einmal um und singe: “We are the children of this world. And we have suffered for your sins. But if you open up your hear…”
(The Imaginarium of Doctor Parnassus, F/CAN/GB 2009, Regie: Terry Gilliam, Schauspieler: Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Lily Cole, Tom Waits, Christoph Plummer)



Ich hatte überhaupt keine Erwartungen an diesen Film und muß sagen, ich wurde positiv überrascht. Die Handlung ist diesmal nicht ganz so komplex wie bei den meisten Werken von Terry Gilliam, deshalb kann man sich entspannt zurücklehnen um sich von der schönen Bilderflut berieseln zu lassen. Was dem Film auch noch zugute kommt, ist die gehörige Portion Humor und einige schräge Einfälle.
Parnassus-Fan said this on 15. January 2010 at 18:51