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Screenology #27: Whatever Works

WhateverWorks

(Illustration: Emma Isacson)

Es regnet. Seit zwei Monaten regnet es. Seit Wochen wächst meine Liste der unerledigten Dinge in die unendlichen Weiten des Weltalls. Ich sitze am Computer und beantworte E-Mails, deren Dringlichkeitsstufe die Kündigung der Freundschaft erreicht haben. Ich sollte noch… Dabei ist heute Sonntag. Dies und jenes… Sonntagnachmittag. Temporalinsolvenz nennt man die Unfähigkeit, die Zeit und die Aufmerksamkeit, die man Familie und Freunden schuldet, zurück zu zahlen. Ich nehme Jacke und Schirm und verschwinde ins Kino.

Sie fragt: „Wo möchten Sie sitzen?“ Ich antworte: „Egal.“ In jeder Reihe befindet sich ein Pärchen. Ich frage mich, ob es verkaufsstrategische Regeln gibt, wie die Kinoplätze zu vergeben sind. Jede Ticketverkäuferin hat so ihre Methode. Manche füllen erst die Reihenmitten, manche lassen für eine gute Sicht vorerst die jeweiligen Vorderplätze frei. Und manche verteilen die Grüppchen mit möglichst grossen Abständen in die Kinoreihen.

Ich habe also eine Reihe für mich und freue mich auf Plauderwoody. Gleich zu Beginn bricht Boris Yellnikoff (Larry David) die vierte Wand und spricht zum Publikum. Das ist zwar, wenn auch nicht neu, eine lustige Idee – schliesslich sieht Boriswoody das grosse Ganze, wie er immer sagt –, leider versanden seine Sprüche nach und nach in der trockenen Luft des Kinosaals.

Boris Yellnikoff, die typische Woody-Allen-Figur, ist alt und Misanthrop aus Überzeugung und erzählt die typische Woody-Allen-Geschichte. Als selbsternanntes Genie, ehemaliger Physikprofessor in Quantenmechanik, trennt er sich von seiner Frau, überlebt einen Selbstmordversuch und lehrt nun Kindern Schach, indem er sie fortlaufend beleidigt. Eines Nachts trifft er eine junge Ausreisserin (Evan Rachel Wood), die sich bei ihm einquartiert und die er nicht mehr los wird. Sie ist die dramaturgische Antipodin, naiv und lebensfreudig. Sie heiraten.

Nun werden die Beziehungsmöglichkeiten durchdekliniert. Die Mutter der jungen Braut hält sich eine ménage à trois. Der Vater wird schwul. Die Braut selbst wendet sich einem Jüngeren zu. Und Boris trifft beim zweiten Selbstmordversuch eine Hellseherin. Mir ist’s egal.

Larry David bringt die intelligente Bitterkeit seiner Rolle nie überzeugend auf die Leinwand. Seine Lebensfeindlichkeit wirkt aufgesetzt wie bei einem kleinen Kind, das getröstet werden möchte. Das Drehbuch pflatscht gegen das Ende hin irgendwelche Beziehungsgeschichten auf die Story, ohne sich um die Figuren zu kümmern. Ich bin dafür, dass wir Woody einen Temporalbonus ausbezahlen, damit er wieder aus New York kommt und sorgfältige Drehbücher schreibt.

Auge vollAuge vollAuge leerAuge leerAuge leer

(Whatever Works, USA 2009, Regie: Woody Allen, Schauspieler: Larry David, Evan Rachel Wood)

~ by sakkaden on 12. December 2009. Tagged: , , ,

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