Screenology #22: Antichrist
(Illustration: Emma Isacson)
Barbara und ich sitzen am Fluss, wo wir Platanen vermuteten, nun aber feststellen, dass gerade über dieser Bank eine Eiche ihr Dachwerk ausbreitet. Tristan hat mit grossen Schritten und weit ausholenden Armen bereits das Weite gesucht. Bevor er ging, faselte er: „Wie Rosemary’s Baby, bloss umgekehrt. Das unschuldige Kind stirbt und macht die Mutter so zur Verbündeten Satans. Bei Polanskis Film wird sie zu Satans Gehilfin, weil sie die Brut des Bösen austrägt. So oder so, Scheisskinder, Scheissweiber.“ Barbara, die selbst zwei kleine Kinder hat, schaute mich mit einem versöhnlichen Lächeln an und kämpfte gleichzeitig mit den Tränen. Wir spazierten schweigend an den Fluss.
Die Wortlosigkeit ist unerträglich und ich spreche, um die Schrecken der Gedanken, die sich im Dunkel des Schweigens hervorwagen, zurückzudrängen. „Die eindringliche Schönheit der Bilder hat mich fasziniert. Eine regelrechte Ästhetik der Kälte. Nur drei Mal kommen warme Farben vor. Das Gelb des Frühlings, als sie die Pusteblumen von ihrer Hand bläst. Das Rot des Blutes, das aus seinem Penis spritzt. Und das Feuerorange des Scheiterhaufens.“
Barbara geht nicht darauf ein: „Die brutalste Szene ist nicht die Selbstbeschneidung, sondern dieses Rollenspiel, als er meint, die Natur wolle ihr Böses antun. Er fragt, was das Schlimmste sei, das die Natur ihr zufügen könne. Sie antwortet: ‚Mich ängstigen?’ Er entgegnet: ‚Dich umbringen.’ Aber das Allerschlimmste für mich wäre der Tod eines meiner Kinder. Ich kann den Gedanken nicht ertragen. Und ich kann nicht ertragen, dass der Mann im Film das nicht anerkennt.“
Ich schwelge noch in meinen Abstraktionen und Erklärungsversuchen und weiss keine passenden Worte auf Barbaras Ängste. „Der Mann ist die Ratio, die Kultur. Die Frau ist die Natur, das Leben. Im Schmerz verschmilzt sie mit den zerstörerischen Selbsterhaltungstrieben der Natur und rächt sich am Phallus, am Logos, am Mann, der ihr einerseits das Kind, das sie verlieren musste, gemacht hat, sie andererseits der Natur entreissen will. Ist das nicht etwas altmodisch?“
Barbara schüttelt den Kopf und betrachtet das vorüber ziehende Wasser des Flusses. „Das ist doch nur das Setting, das von Trier aufspannt. Zwischen diesen Polen wollen wir die Welt verstehen und wir verzweifeln, weil es nicht gelingen kann. Von Trier manipuliert und lässt uns in die Falle tappen. Hier herrscht nicht das Chaos, sondern der männliche Blick. Der Mann ist der Schlüssel zum Verständnis dieses Films. Nicht die Frau, die genauso manipuliert wird wie wir. Der Mann und seine Wissenschaft kommen nicht gegen die Kraft des Schmerzes an. Unfähig zur Trauer macht er sich zum Retter, zum Erlöser seiner Frau. Als er scheitert, kommt es zur Hexifizierung des Unerklärlichen. Wer nicht versteht, mystifiziert. Und rechtfertigt so sein Wüten.“
Ich verstehe nicht, erschrecke aber plötzlich über Barbaras teilnahmslosen Blick.
(Antichrist, DK 2009, Regie: Lars von Trier, Schauspieler: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe)



An sich n cooler post, aber kannst beim nächsten mal n bisschen detailierter sein?
Nikolaus Köln
nikolaus weihnachten said this on 16. October 2009 at 17:05
[...] Antichrist (Lars von [...]
» Best of 2009 Sakkaden said this on 19. December 2009 at 00:18