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Screenology #19: Inglourious Basterds

(Illustration: Emma Isacson)

Tristan schmollt. Sara ist kompliziert. Ich bin nachtragend und einsam und vermute, dass es da einen Zusammenhang gibt. Bleibt Barbara. Barbara ist wie alle Barbaras. Sie ist klug, unabhängig, pragmatisch, zweifache Mutter und ohne Illusionen. Beim leisesten Schmachten in meinem Blick sagt sie zu mir: „Du weisst doch, dass ich nichts von dir will.“ Aber ich weiss nur, dass mich ihre Grenzziehung anfacht.

Ich begleite Barbara nach Hause. Die Nacht ist lau und weit und legt ein samtenes Summen zwischen das Klacken ihrer Absatzschuhe. „Wart mal“, sagt Barbara und während sie sich die Schuhe auszieht, stützt sie sich mit der anderen Hand an mir. Als wir weitergehen, fragt sie: „Wie fandest du die Anfangsszene auf dem Bauernhof in Frankreich, als der Judenjäger den Bauern ausfragte?“ Sie schaut mich an, ich senke meinen Blick zu den Schuhen, die an ihren Fingern baumeln, und sage dann: „Spannend. Einfach unglaublich spannend. Und faszinierend anzusehen. Ziemlich bald ist klar, dass das angedeutete Machtspiel keines ist. Landa beherrscht die Szene. Als Monsieur LaPadite sich die Freiheit nimmt, eine Pfeife anzuzünden, zieht Landa kurz darauf eine riesige Sherlock-Holmes-Pfeife aus der Uniform. Das ist lustig und bedrohlich. Die aufdringliche Freundlichkeit Landas verschleiert nicht seine Boshaftigkeit, im Gegenteil, in ihr zeigt sich erst die geballte Arroganz seiner Siegesgewissheit. Er ist das gebildete Monster: sprachgewandt, systematisch, kühl und von unentwindbarer Höflichkeit.“

„Es ist eine Vergewaltigung“, sagt Barbara. „Ich glaube, die Gewalt versteckt sich in den Pausen. Wenn er mitten im Satz innehält, wenn er die Bewegung seiner Geste unterbricht, wenn er Beiläufigkeit in seine unaufhaltsamen Fragen mischt, schafft er Raum für die Vorstellungskraft der Angst. Seltsamerweise entsteht aus diesen kleinen Momenten der Verzögerungen eine stete Verdichtung. Keine Verzettelung.“ Wir sind beim Stadtbrunnen angelangt. Barbara kühlt sich die Füsse im Wasser und fragt: „Wie fandest du die Geschichte?“

Ich zucke mit den Schultern: „Gut. Dass sich der zweifache Komplott gegen die erste Garde des Hitler-Regimes nicht neutralisiert, wie ich es erwartet habe, sondern sogar noch potenziert, fand ich ironisch. Sowieso gab es allerhand Zweischneidiges. Die Gewalt der Guten ist grauslig und keinen Deut besser. Der Krieg hat das Kriegsopfer Shosanna hart und unnachgiebig gemacht, den Kriegshelden Zoller aber nachdenklich und gefühlig. Die Geschichte, wie sie sich in zwei Strängen von weither verflicht und dann verschmilzt, hat einen geduldigen, aber unausweichlichen Fluss.“ Ich stehe am Brunnenrand und reiche Barbara die Hand, als sie hinaussteigen will. Ich frage: „Und du?“

Barbara setzt sich an den Rand und zieht die Schuhe an: „Weisst du was? Ich mag den Film. Er spielt mit den verschiedenen Ebenen von Gewalttätigkeit, mit Ebenen der Verstellung – schliesslich ist niemand, was er zu sein vorgibt, mit der geschichtsverfälschenden Kraft des Kinos, undsoweiter. Aber Tarantino hat es noch nie geschafft eine Geschichte wirklich zum Schweben zu bringen. Da steckt immer viel intellektuelle Wucht drin, viel Spielfreude auch, aber keine Musik aus den Tiefen der menschlichen Verunsicherung. Mir fehlen schlicht die Fragen.“

(Inglourious Basterds, Regie: Quentin Tarantino, Schauspieler: Christoph Waltz, Denis Menochet, Brad Pitt, Mélanie Laurent)

~ by sakkaden on 3. September 2009. Tagged: , , , , , ,

One Response to “Screenology #19: Inglourious Basterds”

  1. [...] Inglourious Basterds (Quentin [...]

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