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Anvil! The Story of Anvil von Sacha Gervasi

Warum haben die einen Bands Erfolg? Oder besser: Warum hatte Anvil keinen Erfolg?

Als Heavy-Metal-Band der ersten Stunde prägte die kanadische Band die Rocker der Metal-Welle in den Achtziger Jahre. Anthrax, Metallica, Slayer wurden durch ihre Platte ‘Metal on Metal’ beeinflusst. Selbst aber verschwanden sie in der Dunkelheit des Desinteresses. Wo sie heute noch zappeln. Fünfzigjährig. Erfolglos. Zwischen Desillusion, Trotz und Freude an der Musik. Nun ja, zwei von ihnen zappeln noch: Lips und Robb. Sie geben nicht auf; jobben, um in den Ferien auf Tour zu gehen; nehmen Kredit auf, um ein Album zu produzieren, das niemand promoten will; giessen das Prinzip Hoffnung eimerweise über ihre Umwelt und sich.

Das ist lustig. Das ist beeindruckend. Das ist tragisch.

Sacha Gervasi gelingt ein faszinierendes Stück Dokumentarfilm. Helas, und das ohne Kommentarstimme! Nur mit Montage, Gesprächen und Bildern erzählt er von den Tücken der Musikindustrie, welche Kunst nach Markttauglichkeit beurteilt; er erzählt von zwei Menschen, die sich mit 14 Jahren geschworen haben, nicht aufzugeben, und sich mit 50 Jahren noch an den Bubentraum klammern; vor allem aber erzählt er von Leidenschaft, von Hingabe, von Begeisterung. Aber auch von Selbstzweifeln und Freundschaft. Und davon erzählt er mit einem herzlichen Blick, der es dennoch unserem Urteil überlässt, ob wir die beiden Schicksalhaften bewundern oder bemitleiden wollen.

Man muss nicht Metal-Fan sein, um den Film zu mögen. Es reicht, das Leben zu mögen, um die Fragen des Filmes auch an sich selbst zu stellen.

Hin und wieder tut weh, wie schonungslos sich die beiden Altrocker von Anvil zeigen. Man hofft, dass sie nicht ihre Seele verkauft haben. Für den langersehnten Erfolg. Der nicht kam. Man ahnt es: Sie können nicht zurück!

Anvil! The Story of Anvil, USA 2009, Regie: Sacha Gervasi

TiMER von Jac Schaeffer

Romantische Komödien sind ein beliebtes, aber schwieriges Genre. Die süss-saure Mischung aus Humor und Sehnsucht ist nicht leicht zu treffen. Am besten gelungen ist das kürzlich Kevin Smith mit Zack and Miri Make a Porno, gerade weil er eine derbe Distanz zum Genre schafft, in das er sich bettet.

TiMER würzt seine Geschichte mit Science Fiction. Liebe mit Garantieschein ist möglich. Mit dem TiMER, den man sich ins Handgelenk stanzen lässt, erkennt man zweifelsfrei die Liebe seines Lebens. Er blinkt und piepst, wie es vormals Aufgabe des ach so täuschbaren Herzens war. Bis es soweit ist, zeigt der TiMER die Zeit bis zur Begegnung an. Bloss tut er das nur, falls das noch unbekannte Gegenüber auch so ein technisches Wunderding trägt. Falls nicht, bleibt der TiMER leer.

Die 30-jährige Zahnärztin Oona hat so einen TiMER ohne Zeitangabe. Sie lernt Mann um Mann kennen, um ihm möglichst bald zur Kontrolle das Handgelenk zu piercen und ihn dann wegen Nichtübereinstimmung unverkostet wieder ziehen zu lassen. Unterdessen schläft sich ihre Stiefschwester Steph durch die willige Männerwelt. Ihr TiMER läuft noch so lange hin, dass ein bisschen Zeitvertreib not tut. Was aber, wenn man sich entgegen der Voraussage des TiMERs verliebt, die Technik aber unfehlbar ist?

In unserer kontrollwütigen Zeit ist die Planbarkeit einer Liebe mit Sicherheitsnetz natürlich ein grosses Bedürfnis. Intuitiv erkennen wir aber die Widersprüchlichkeit einer Liebe mit Garantie, weil wir ahnen, dass grad die Zerbrechlichkeit ihre Schönheit ausmacht. Auf jeden Eimer passt ein Gesicht? Irgendwann findet das Glück einen? Oona reagiert nicht mit Gelassenheit auf die Unausweichlichkeit des Schicksals. Sie hofft und bangt und sucht und scheitert und findet im Supermarkt einen Kassierer, der die aufgeschobene Lebensfreude mit ihr teilt. Alles bleibt auch in der Zukunft wie gehabt. Und alles kommt auch in der Zukunft anders.

Schlussendlich mischt der Film die üblichen Ingredienzen einer romantischen Komödie. Was zu Beginn spannend und erfrischend ist, endet mit der üblichen Frage: Bist du der Richtige für mich? Aber zum Glück gibt es den TiMER und wir müssen nicht mehr unseren wandelbaren Gefühlen vertrauen. Gut so?

(TiMER, USA 2009, Regie: Jac Schaeffer, Schauspieler: Emma Caulfield, Michelle Borth, John Patrick Amedori)

Das International Comedy Film Festival zeigt TiMER am 1. September 2010 im Rahmen der ersten “Komischen Filmnacht” um 20.30 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin.

Screenology #39: Inception

(Collage: Emma Isacson)

„Mir ist nicht einsichtig, warum solcherart Aufhebens um diesen Film gemacht wird“, sagt Henry stirnrunzelnd, als wir aus dem Kino kommen, derweil ich mich benommen an der Wand abstütze, um mich irgendeiner Realität zu versichern. Aber schon habe ich wieder Boden unter den Füssen, denn schlagartig wird mir bewusst, warum Henry der langweiligste meiner Freunde ist. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Zweieinhalb Stunden Achterbahnfahrt auf vier verschiedenen Traumebenen, eine geballte Ladung krachende Action, eine Liebesgeschichte, die in die hartnäckigsten Irrungen des Unbewussten führt, und eine alles auf den Kopf stellende Wendung am Ende der Geschichte bringen ihn kein bisschen aus der Fassung.

Dom Copp (Leonardo Di Caprio) betreibt Werkspionage, indem er sich in die Träume grosser Industrieller einschleust und wertvolle Geheimnisse stiehlt. Ein letzter Coup soll ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten ermöglichen, die er wegen einer Anklage meiden muss, obwohl seine Kinder dort auf ihn warten. Doch statt eines Diebstahls soll er die Einpflanzung einer Idee vornehmen: Inception statt Extraction. Was schwieriger ist. Unmöglich. Aber einen Versuch wert.

Henry hat einen wippenden Gang, der sich verstärkt, wenn er spricht. „Hat dich Inception nicht an Shutter Island erinnert?“ Er geht auf den Fussballen. Vornübergebeugt. „In der ersten Szene die Wogen des Meeres. Leo in der Hauptrolle. Wuchernde Schuldgefühle. Die Welt ist nicht, wie sie scheint. Überraschendes Ende. Und wieder geht es um eine Heilung.“ Stets wendet er mir leicht seinen Oberkörper zu. Möglicherweise rührt die Langeweile an Henry auch von der Tatsache, dass er immer Recht hat, aber Recht hat auf eine ängstliche Art und Weise. „Stimmt“, sage ich und vergesse unverzüglich, dass ich Inception eigentlich um jeden Preis gegen Henry verteidigen wollte. „Aber Nolan gelingt es nicht, die Geschichte in Vibration zu versetzen. Wo Scorsese uns einen Film lang auf den Wogen der Wahrnehmung hin und herschaukelte, so dass wir uns nie in Sicherheit wägen konnten, arbeitet Nolan in visionärer Kurzsicht einen riesigen Plot-Berg ab. Und weil er so viel Handlung erzählen will, bleibt ihm für die Ausarbeitung der Charaktere und der Beziehungen keine Zeit. Dieser Mangel raubt dem Film die Tiefe.“

Wir bleiben an der Ecke vor dem Pub stehen. Hier trennen sich unsere Wege. Henry kommt nie mit hinein. Er sagt: „Ja, dann…“ Ich sage: „Immerhin, der Film hat mich nie gelangweilt.“ Henry sagt: „Ja.“ Ein Pärchen nähert sich uns. Sie lachen, gehen vorüber. Henry senkt seinen Blick. „Und manche Bilder sind wirklich spektakulär“, sage ich und schaue ebenso hinunter auf den Boden, sehe Henrys Sandalen, seine Wollsocken, und fahre fort: „Di Caprio habe ich noch nie so schlecht spielen gesehen.“ Henry lächelt: „Und Ellen Page, was genau hatte sie in diesem Film vor?!“ Henry gluckst. Ich lache und rufe aus: „Und dann heisst sie noch Ariadne! Ariadne! Damit ja alle begreifen, dass sie Theseus aus dem Labyrinth führt! Ihre billigpsychologischen Phrasen haben mich zu Beginn genervt. Erst gegen Ende habe ich begriffen, warum sie diese simplen, aber eingängigen Schlüsselsätze sprechen muss.“

Henrys Lächeln verschwindet. Wieder fixiert er mich mit seinem schulmeisterlichen Blick. Ich höre auf zu lachen. Was hat er denn? „In diesen Es-ist-nicht-wie-ihr-denkt-Filmen“, sagt er und verschränkt die Arme, „Sixth Sense, Shutter Island, Inception, verfällt der Held der Geschichte jeweils in Aktionismus und überschäumendes Rettertum, um am Schluss seine totale Ohnmacht festzustellen. Mit dem Macher wird gemacht. Der handlungswütige Protagonist ist in Tat und Wahrheit ein wirkungslos Fuchtelnder. Denkst du, dieses Symptom sagt etwas über den Menschen unserer Zeit aus?“

(Inception, USA 2010, Regie: Christopher Nolan, Schauspieler: Leonardo Di Caprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Marion Cotillard, Michael Caine)

Celda 211 von Daniel Monzón

Was für eine Ausgangslage! Ein Wärter macht vor seinem ersten Arbeitstag einen Rundgang durch das Gefängnis. Ein Aufstand bricht aus. Um nicht umgebracht zu werden, gibt sich Juan als Häftling aus. Welch wunderbare Parabel aufs Leben: Wir alle sind Anpassungskünstler. Wir tun alles, um zu überleben. Wir machen jedes Biotop zu unserer Realität, wenn wir keine Wahl haben. Und wir haben keine Wahl. Wir leben schon in der besten aller Welten.

Gefängnisdramen sind im Moment hoch im Kurs. Eben erst durften wir das cinematografische Kunststück Hunger von Steve McQueen bewundern, dann die französische Oscar-Hoffnung Un Prophète von Jacques Audiard und nun das mit Goyas überschüttete Werk von Daniel Monzón. Leider ist es das schwächste der dreien.

Juan, der neue Wärter, der sich plötzlich mitten in einer Gefängnisrebellion befindet, reagiert entschlossen und klug und verschafft sich so den Respekt des Anführers Malamadre. Er zieht aber auch das Misstrauen der zweitstärksten Knast-Gang, der Gruppe um Apache auf sich. Drei ETA-Häftlinge werden als Geiseln genomme. Draussen und in Juans Gedanken schwirrt seine schwangere Frau herum. Zwischen Malamadre und Juan entwickelt sich eine Freundschaft, und die Grenzen zwischen Gut und Böse müssen – überrascht’s noch? – neu definiert werden.

Die Idee des Films ist stark (nach einem Buch von Francisco Peréz Gandul) und so auch die erste halbe Stunde. Der Vorspann – Nahaufnahmen eines sorgfältig durchgeführten Suizids – deutet an, mit welcher Bildkraft diese Geschichte erzählt werden könnte. Die Ausgangslage besticht durch die Abriegelung des Ortes. Eine Mikrogesellschaft mit anderen Regeln herrscht. Und schnell, sehr schnell zerstäuben sich die moralischen Grundsätze, wenn es ums eigene Überleben geht. Vor allem, wenn man verliert, für was sich eben noch zu kämpfen lohnte. Das tönt radikal und spannend.

Monzón traut der strikten Erzählweise innerhalb der Mauern nicht ganz und kümmert sich stets noch um die Aussenwelt. Gelbstichige Rückblenden, die Juan mit seiner schwangeren Frau zeigen, fügen der Geschichte nichts bei, sondern unterwandern die Figur des Juans, der wie in diesen Maulwurfgeschichten nicht mehr weiss, zu wem er jetzt halten soll.

Die moralischen Fragen, die aufbrechen, werden wenig subtil gelöst. Der böse Gefängniswärter Utrilla bleibt böse. Der aufrichtige Verbrecher Malamadre bleibt loyal und dem höheren Ziel verpflichtet. Nur Juan entwickelt sich, aber bis dahin interessiert es einen nur noch wenig.

Die Freundschaft zwischen dem Anführer Malamadre und seiner neuen rechten Hand Juan, die auch als den heimlichen Kern der Geschichte angeschaut werden kann, hat tatsächlich die spannendsten Momente, verpufft dann aber doch zu einer schlichten homoerotischen Andeutung.

Kinostart in der Deutschschweiz ist am 8. Juli 2010.

(Celda 211, Sp 2009, Regie: Daniel Monzón, Schauspieler: Luis Tosar, Alberto Amman, Carlos Bardem)

Neuerscheinung: Der Riss in der Leinwand

Nun ist’s da, das holde Büchlein, und schaut euch mit grossem Auge an.

Inhalt:

Der 26jährige Vincent ist ein leidenschaftlicher Kinogänger. Ständig begleiten ihn Kinozitate. Zuweilen übersteigert seine Phantasie die Realität – und die Wirklichkeit wird zu schön, um wahr zu sein. Genau das passiert auch, als er auf die geheimnisvolle Chloe trifft, die ihn völlig in seinen Bann zieht.

Chloe fordert Vincent auf, ihr die Geschichte zu erzählen, die sie gemeinsam erlebt haben. Vincent aber weicht aus. Als Chloe plötzlich verschwindet, entschliesst sich Vincent, die Geschichte ihrer Beziehung für sie aufzuschreiben.

Weil sich Vincents Wirklichkeitswahrnehmung zunehmend mit Kinobildern vermischt, macht er sich auf die Suche nach Zeugen, die ihm bestätigen können, dass es Chloe wirklich gibt. Die Suche nach ihr erweist sich als Ursache für ihr Verschwinden.

Die Geschichte, die daran scheitert, eine sein zu wollen, spitzt sich in einen Dialog mit Chloe zu, worin es heisst: “Wir sind mächtig auf der Leinwand und machtlos als Zuschauer.”

Der Riss in der Leinwand, Thomas Meier, Edition Isele, 2010. 140 Seiten.

Screenology #38: Brothers

(Collage: Emma Isacson)

Der gute und der schlechte Sohn. Kurz bevor der Marine Sam Cahill wieder nach Afghanistan in den Krieg zieht, kommt sein Bruder Tommy aus dem Gefängnis. Sam ist ein Spitzenathlet, ein liebender Ehemann und ein fürsorglicher Vater; Tommy hingegen ein Versager. Sam stirbt in Afghanistan. In der Folge kümmert sich Tommy liebevoll um Sams Frau und Kinder. Aus anfänglicher Ablehnung wird zögerliche Zuneigung. Doch plötzlich kehrt Sam zurück. Traumatisiert. Auf der Suche nach einer Form von Normalität brechen unverheilte Wunden auf, und das Familiendesaster nimmt seinen Lauf.

Soweit der Film. Und hier wäre der Text eigentlich zu Ende, denn über Sara und Tristan soll ich nicht mehr schreiben. „Bei mir bringst du kein Wort heraus, aber in deiner Kolumne hängst du den gefühlvollen Typen in die Zeilen. Ich glaube, es ist besser, wir sehen uns eine Weile nicht mehr“, sagte Sara. „Lese ich nächstes Mal in der Kolumne, dass du mit meiner Freundin geschlafen hast?“, sagte Tristan.

„Aber ich habe eure Namen ja geändert!“, verteidigte ich mich. „Ach, wie rücksichtsvoll“, brummte daraufhin Tristan, nahm mir die Bierflasche aus der Hand, leerte sie in einem Zug, drückte sie mir wieder in die Hand und verschwand. Drum: Sara und Tristan sind ab sofort als Kolumnenfiguren gestorben. Sie sind nun wieder Freunde. Echte Freunde. Nur Freunde. Hoffentlich.

Brothers ist ein Remake des dänischen Films Brødre aus dem Jahre 2004. Die Schauspieler sind allesamt etablierte Stars. Tobey Maguire spielt den Vorzeigesohn Sam Cahill und übernimmt Frisur, Jacke und Haltung von Robert De Niro in Taxi Driver. „Talking to me? Are you talking to me?“, hätte Tristan gesagt und wir hätten gelacht. Jake Gyllenhaal mimt den missratenen Sohn und beweist, dass er doch schauspielern kann. Und wie. Natalie Portman ist die viel zu glatte Ehefrau. Ich hätte gesagt: „Sie ist mir zu perfekt. Sie macht alles richtig.“ Und Sara hätte geschmunzelt: „Ausser, dass sie alles richtig macht.“ Sam Shepard ist der Vater, der so stolz auf den einen Sohn ist. „Wisst ihr“, so hätte ich meine Meinung zu Sam Shepard aufgeplustert, „wen ich am allerbesten fand?“

„Ich fühle mich wie nach einer Therapiestunde“, hätte Tristan den Film abgetan. Tatsächlich, der eindrückliche Eklat am Ende kann nur funktionieren, weil die Vorgeschichte den Zuschauer an die Hand nimmt und sicherstellt, dass wir jede Gefühlswendung nachvollziehen. Und um noch die letzten Zweifel zu verjagen, sprechen die Kinder in aller Deutlichkeit aus, wie wir’s bitteschön zu verstehen haben. „Ich hasse altkluge Kinder, besonders in Filmen“, hätte Tristan gesagt.

Sara hätte gefragt: „Habt ihr Rachel Getting Married von Jonathan Demme gesehen?“ Und ich hätte auf Anhieb verstanden, was sie meint. Rachel Getting Married ist ebenfalls ein Familiendrama, aber statt mit einer statischen Kamera eine Theaterbühne aufzuspannen, geht dort die wacklige Handkamera mitten ins Geschehen, bleibt nahe bei den Figuren und überträgt so das Chaos der Gefühle auf uns Zuschauer. Bei Brothers hingegen sehen wir gestelzte Szenen am Familientisch, denen die dramaturgische Absicht von Beginn weg anzumerken ist und die so ein Eintauchen in die Geschichte verunmöglichen.

„Schreib doch über Rachel Getting Married“, hätte mich Sara ermuntert. Und Tristan hätte gehöhnt: „Brothers ist eh ein Scheisstitel, und der Film eines dieser unnötigen Ami-Remakes für Untertitel-Analphabeten.“

Brothers, USA 2009, Regie: Jim Sheridan, Schauspieler: Jake Gyllenhaal, Tobey Maguire, Natalie Portman, Sam Shepard.

Screenology #37: Air Doll

(Collage: Emma Isacson)

„Was macht er denn?“, fragt mich Tristan, als wir im Orient anstehen. Vor dem alten Mann an der Kasse liegen geordnete Häufchen Noten. Seine zaghafte Hand schwebt erst über den Zehnfrankennoten, gleitet unentschlossen zu den Zwanzigfrankennoten, hält kurz inne, entschliesst sich dann, die Tickets abzureissen, kommt zurück, legt sich auf die Fünfzigfrankennoten und holt sich die linke Hand zu Hilfe, die nun ihrerseits über den Zehnfrankennoten in einem kalkulierenden Schwebezustand verharrt. „Lassen Sie sich Zeit“, sagt Tristan zu dem Mann, der nun, sich sichtlich an das Zwischenresultat klammernd, aufschaut. „Fünfundreissig“, nicke ich ihm zu.

Dass ich Tristan ins Orient überreden konnte, lag an dem Stichwort Sexpuppe. „Warum nicht? Artsy-fartsy Sexszenen mit einer Gummipuppe sind bestimmt geil“, meinte er. In der Pause will er gehen, aber ich kaufe ihm ein Bier. „Mann, ist das langweilig“, jammert er. „Puppe erwacht zum Leben. Sucht Herz und Seele. Und ist dann enttäuscht, wenn’s weh tut. Ist es das?“ Ich weiss, dass es keinen Sinn hat, Tristan von seiner Meinung abbringen zu wollen, und zucke mit den Schultern. Das Licht im Saal geht aus und ich denke an Sara. Was hat Tristan, was ich nicht habe? Aber ich weiss, dass das eine kindische Frage ist. Damals habe ich Sara abblitzen lassen. Vage zwar. Aber dennoch, nun ist sie Tristans Isolde.

Die Plastikpuppe gehört einem einsamen Kellner, der mit ihr Eheleben spielt, sich mit ihr während des Abendessens unterhält, sie kleidet und mit ihr Sex hat, bevor er am Boden des Badezimmers sitzend mit sicheren Handgriffen die Gummi-Vagina einseift und spült. Als Nozomi, zärtlich und fragil von Duna Bae gespielt, erwacht und durch die Strassen ihres Quartiers in Tokio spaziert, begegnet sie dem Leben und seinen Unzulänglichkeiten. Sie findet Arbeit in einer Videothek und verliebt sich in einen Angestellten.

Nach dem Film geht Tristan nach Hause. „Noch einen Schlummi?“, rufe ich ihm nach. „Ne, meine Puppe wartet.“ Nun schlendere ich über die Hochbrücke, schaue hinauf zu den Sternen, blicke hinunter zum Fluss, zähle laut die Sekunden, die vergehen, bis ein fallendes Objekt in die schwarze Masse prallen würde. Zuhause, was ich noch nie getan habe, rede ich mit dem Telefonhörer und stelle mir vor, dass Sara am Apparat wäre:

„Einmal heisst es im Film: Dem Leben eigen ist eine Abwesenheit. Hübsch, nicht? Leider geht der Satz dann weiter: Die nur von anderen Menschen gefüllt werden kann. Auf dieser Grenze zwischen Poesie und Kitsch bewegt sich Kore-eda, der Regisseur. Ich mag zwar seine sphärische Erzählweise, aber er packt so viele existentielle Andeutungen hinein, ohne sich auf eine Aussage festzulegen, dass sich die Teile des Films schliesslich nicht verknüpfen. Sie entweichen ihm.“

„Nozomi ist auf der Suche nach dem Leben. Sie verliert, so paradox es klingt, ihre Identität als Projektionsfläche. Die Menschen sehen in ihr das Objekt, das sie lebendig machen können. Als sie tatsächlich eine tapsige, lichtdurchlässige Lebendigkeit erhält, offenbart sie dadurch die Erstarrungen der Menschen, die Verrenkungen der Menschen. Wir leben Ersatzleben, zugeschnitten auf die Blicke, die uns ansehen, zugeschnitten auf die Angebote, mit denen wir unser Sehnen füttern. Ich zum Beispiel rede mit einem Telefonhörer, weil ich mir wünsche, dass du am anderen Ende zuhörst. In Nozomis abgründiger Naivität zeigt sich das reine Leben. Es scheitert. Sie hat zu wenig Luft, zu wenig Geschichte eingehaucht bekommen. Nur im Versteckspiel unserer Biografie sind wir aufblasbare Möglichkeiten.“

Air Doll, Japan 2009, Regie: Hirokazu Kore-eda, Schauspieler: Duna Bae, Arata, Itsuji Itao

Screenology #36: A Single Man

(Collage: Emma Isacson)

Ein Teppich weisser Buchstaben rollt über die Leinwand. Das Licht geht an. Sara schweigt und ich weiss keine Worte. Der Film schnürt mir die Kehle zu. Und die Angst vor dem Gespräch, das nun kommen muss, weil es mit Sara und mir nicht geklappt hat, aber mit Sara und Tristan schon.

Ich halte ihr die Türe auf und wir treten aus dem Kino. Die kalte Luft brennt auf der Haut, Sara hackt sich unter und wir spazieren einfach los. Irgendwohin. Ich möchte immer so weitergehen, denke ich, behangen mit Stimmungsschlieren aus dem Film, getröstet durch Sara, die meinen Arm umfasst. „Isebähnli?“, fragt sie nach wenigen Metern. Ich nicke, aber als wir eintreten, merke ich, dass ich nicht auf Renés Fröhlichkeit gefasst war. „Zwei Guinness für die Turtelspatzen?“, fragt er und führt uns zum letzten freien Tisch.

Der Film zeigte einen Tag im Leben des schwulen Georges in den Sechziger Jahren, der seinen Partner bei einem Autounfall verloren hatte, nicht wieder Fuss fassen konnte und seinen Selbstmord plante. Charley, eine gute Freundin, wollte für ihn da sein, liebte ihn und den Alkohol. Kenny, ein Student im weissen Angorapullover, verfolgte ihn, wollte ihn retten.

Zwei Glas Tempranillo statt Guinness. Sara schaut mich von unten an, hält ihren Kopf schräg. Was aus uns geworden wäre? Der Konjunktiv – entgegen der landläufigen Wenn-ich-ein-Millionär-wär-Meinung – ist der Feind unserer Träume. Schnell sage ich: „Was die visuellen Einfälle angeht, bin ich von Tom Ford begeistert. Wie er Räume inszeniert, ist schlicht genial. Seine Bildsprache ist neu und mutig, aber nie bloss l’art pour l’art, wie man es von einem Modedesigner befürchten könnte. Wie die Kamera die Welt mit Georges Augen ansieht, wie sie zeigt, dass er sich vom Alltag löst, seine Aufmerksamkeit anderen Wesentlichkeiten widmet, dem Schweben der Eindrücke, dem Rauschen des Selbstmitleides, und sich trotz liebevollen Begegnungen nicht gegen die erdrückende Macht der Erinnerung wehren kann, ist grosses Kino. Als würde stets ein trauriger Wind, jetzt da sein Nest zerstört ist, durch sein einsames Leben blasen.“

Sara schaut mich an. Ich schiebe eine Frage nach: „Wie fandest du’s?“ Langsam führt sie das Glas zum Mund, nimmt einen Schluck Wein, lässt mich nicht aus den Augen. Seit wann ist sie so selbstsicher?, denke ich und sehe mich im Restaurant um, betrachte den mächtigen, schwarzen Flügel, der den Raum unterteilt, beobachte René, wie er sich jovial auf eine Stuhllehne stützt, bestaune den guten, alten Zigarettenautomaten, starre auf Saras Lippen.

„Ich fand“, sagen die Lippen, „den zuckersüssen Angora-Kenny viel zu lieblich, aber Julianne Moore als Charley eine Wucht. Ihre Mischung aus Haltung und Gebrochensein ging mir nahe. In ihrer verzweifelten Koketterie habe ich mich wiedererkannt. Ich weiss, du willst das nicht hören, aber was, wenn ich mir in zwanzig Jahren dieselbe Frage wie Charley stellen werde: Was wäre aus uns geworden?“

Die Lippen bewegen sich nicht mehr. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Gesprächswolken vom Nebentisch wehen um unsere Köpfe. „Ich bin nicht schwul“, sage ich. Was überhaupt nichts zur Sache tut. Diese Lippen! „Du bist mit Tristan zusammen“, sage ich. Was auch nichts zur Sache tut. Diese sanft geschwungenen Lippen! Ich fühle mich in die Enge getrieben. „Der Konjunktiv ist scheisse“, sage ich. „Aber Tristan ist nun mal kein verdammter Konjunktiv.“

(A Single Man, USA 2009, Regie: Tom Ford, Schauspieler: Colin Firth, Julianne Moore)

Screenology #35: Shutter Island

ShutterIsland(Illustration: Emma Isacson)

„Ich fand den Film mässig“, sagt Barbara, schenkt sich Mineralwasser ein, nimmt das Glas in die Hand, starrt es an, hält es schief, wie um nachzuprüfen, ob sich darin wirklich Wasser befindet, setzt es an die Lippen und stellt es wieder hin, ohne einen Schluck genommen zu haben. „Ja, natürlich, es ist Scorsese. Ja, es ist grosses Kino. Und es ist viel Kino. Sehr viel Kino. Aber nach dreissig Minuten ist ziemlich klar, welche überraschende Wendung die Geschichte nehmen wird. Stur werden Anzeichen aneinander gereiht, damit man ja dahinter kommt. Am Schluss wird in langen Szenen eine Erklärung nachgeliefert, die in zwei, drei Einstellungen plausibel genug gewesen wäre. Vielleicht bin ich einfach auch zu müde. Seit Wochen schlafe ich nicht durch. Der Kleine schreit. Und der Verdacht, dass mich Johnny betrügt, frisst mir jeden klaren Gedanken. Ich kann nicht mehr. Jede seiner Regungen gilt der Geliebten, von der ich gar nicht sicher bin, ob es sie gibt. Für mich jedenfalls bleibt nichts mehr übrig.“

US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und sein Partner (Mark Ruffalo) werden 1954 beauftragt auf Shutter Island, einer kleinen Insel mit einer Nervenheilstand für kriminelle Geistesgestörte, das mysteriöse Verschwinden einer Patientin aufzuklären. Dr. Cawley (Ben Kingsley) und Dr. Naehring (Max von Sydow) stehen unterstützend und vertuschend zur Seite. Bald ist klar, hier geht es um andere Probleme. Probleme grösserer Tragweite oder Probleme persönlicherer Natur, je nach Sichtweise. Bald ist hingegen nicht mehr klar, wer hier wen verfolgt, wer hier wirklich verrückt ist und welche Bilder dem Wahn und welche dem realen Erleben zuzurechnen sind.

„Johnny betrügt dich?“, stottere ich. Barbara winkt ab: „Ach was, ich weiss es nicht, wahrscheinlich nicht, vielleicht doch, ich traue mir nicht, ich traue ihm nicht, ich kann nicht schlafen, der Kleine schreit. Die Bilder mit den Kindern, die tot im See dahin treiben, waren unerträglich. Können wir uns mal einen Film anschauen, in dem keine Kinder sterben?“

„Mir hat der Film gefallen“, sage ich und bin froh, dass wir das Thema wechseln. „Ich glaube, es ist Teil des Spiels, dass wir ahnen, in welche Richtung sich die Realitäten verschieben werden. Ganz sicher ist man sich dann doch nicht, und genau von dieser Ambiguität lebt der Film. Daher seine künstlich wirkende Bilderwucht. Wir können uns nie sicher sein. Der Film setzt uns in eine Welt, die uns keine Realität vorgaukelt, sondern seine Fragilität zum Thema macht. Der Film – wie könnte es anders sein bei Scorsese – ist auch ein Film über Film.“

„Ah ja? Wie meinst du das?“, sagt Barbara scharf und schaut mich an, als wäre ich Johnnys Geliebte. „Ehm, nun ja“, sage ich unsicher. „So wie Teddy Daniels nach Erklärungen sucht, den Verschwörungstheorien verfällt, seine Schuld verneint, so verhalten wir uns auch als Zuschauer. Wir verfallen gar schnell der Geschichte auf der Leinwand, gefallen uns als verängstigte Unbeteiligte, liefern uns den Bildern aus, prüfen vage die Plausibilität der Geschichte, lassen uns durch die Autorität des Filmes bereitwillig vom Plot, und sei er noch so abstrus, verführen und kuscheln uns in die Rolle des Opfers. Und so ist die Shutter Island aufgebaut: als Rollenspiel. Was uns zu Beginn unnatürlich scheint, ist in Tat und Wahrheit unnatürlich. Er füttert uns mit Erklärungen, die wir nicht essen wollen. Immer wieder. Das bringt die ganze Insel zum Zittern.“

Barbara hält sich ihr leeres Glas vor das Gesicht und starrt mich an. Dann sagt sie: „Der Film handelt von Wahrnehmungen. Jeder sieht die Welt mit seinen eigenen Augen. Und du siehst einen Film über Film, weil du Filmkritiker bist. Ich frage mich bloss, warum ich dann eine Geliebte hinter Johnnys seltsamen Verhalten sehe. Irgendeine billige Erklärung jedenfalls nähme ich mit Handkuss.“

Auge vollAuge vollAuge vollAuge vollAuge voll

(Shutter Island, USA 2010, Regie: Martin Scorsese, Schauspieler: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow)

Stanley Donwood: “Red Maze” in Heerlen, Holland

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Überspitzt formuliert: Stanley Donwood ist der bessere David Lynch. Er bewegt sich auf klassischem Lynch-Territorium. Bloss löst sein visuelles Grauen mehr Verstörung aus.

Das Unheimliche, das uns aus den Spalten des Unerklärlichen entgegenschwärt, hat Donwood in eine bedrohliche Bildwelt umgesetzt. Dabei bleibt er, obwohl auch er Schrift und Grafik verwendet, in diesem schwebenden Zwischenraum, der uns verunsichert, weil wir uns einerseits nicht in die Welt der klaren Bezüge flüchten und weil wir andererseits aber auch nicht ins Schwammige (und damit ins Unnahbare) von Farbe und Form eintauchen können.

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Bekannt wurde Stanley Donwood vor allem durch die Cover- und Albumgestaltungen, die er für Radiohead und Thom Yorke entwarf. Unvergessen bleiben die Collagen für OK Computer, die weinenden Minotauren für Kid A, die wuchtigen Gemälde für Amnesiac oder die Linolschnitte des überfluteten Londons für Thom Yorkes Meisterwerk The Eraser.

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Für den Glaspaleis in Heerlen im Süden von Holland baute Donwood im Keller ein rotes Labyrinth (Red Maze) aus Holz und beklebte und behängte und installierte, was die Kunst hergab. Daraus entstand ein Gesamtkunstwerk, welches die breite Palette seines Schaffens spiegelt: Druck- und andere Reproduktionstechniken, Malereien, Wortgrafiken, Texte, Kurzfilme und oben genannte Coverarbeiten.

Noch sind die Werke von Stanley Donwood erschwinglich. Wer sich interessiert, schaue sich auf seiner Website um: http://www.slowlydownward.com/. Immer mal wieder schaltet er Schnäppchen zum Kauf frei.