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Screenology #35: Shutter Island

ShutterIsland(Illustration: Emma Isacson)

„Ich fand den Film mässig“, sagt Barbara, schenkt sich Mineralwasser ein, nimmt das Glas in die Hand, starrt es an, hält es schief, wie um nachzuprüfen, ob sich darin wirklich Wasser befindet, setzt es an die Lippen und stellt es wieder hin, ohne einen Schluck genommen zu haben. „Ja, natürlich, es ist Scorsese. Ja, es ist grosses Kino. Und es ist viel Kino. Sehr viel Kino. Aber nach dreissig Minuten ist ziemlich klar, welche überraschende Wendung die Geschichte nehmen wird. Stur werden Anzeichen aneinander gereiht, damit man ja dahinter kommt. Am Schluss wird in langen Szenen eine Erklärung nachgeliefert, die in zwei, drei Einstellungen plausibel genug gewesen wäre. Vielleicht bin ich einfach auch zu müde. Seit Wochen schlafe ich nicht durch. Der Kleine schreit. Und der Verdacht, dass mich Johnny betrügt, frisst mir jeden klaren Gedanken. Ich kann nicht mehr. Jede seiner Regungen gilt der Geliebten, von der ich gar nicht sicher bin, ob es sie gibt. Für mich jedenfalls bleibt nichts mehr übrig.“

US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und sein Partner (Mark Ruffalo) werden 1954 beauftragt auf Shutter Island, einer kleinen Insel mit einer Nervenheilstand für kriminelle Geistesgestörte, das mysteriöse Verschwinden einer Patientin aufzuklären. Dr. Cawley (Ben Kingsley) und Dr. Naehring (Max von Sydow) stehen unterstützend und vertuschend zur Seite. Bald ist klar, hier geht es um andere Probleme. Probleme grösserer Tragweite oder Probleme persönlicherer Natur, je nach Sichtweise. Bald ist hingegen nicht mehr klar, wer hier wen verfolgt, wer hier wirklich verrückt ist und welche Bilder dem Wahn und welche dem realen Erleben zuzurechnen sind.

„Johnny betrügt dich?“, stottere ich. Barbara winkt ab: „Ach was, ich weiss es nicht, wahrscheinlich nicht, vielleicht doch, ich traue mir nicht, ich traue ihm nicht, ich kann nicht schlafen, der Kleine schreit. Die Bilder mit den Kindern, die tot im See dahin treiben, waren unerträglich. Können wir uns mal einen Film anschauen, in dem keine Kinder sterben?“

„Mir hat der Film gefallen“, sage ich und bin froh, dass wir das Thema wechseln. „Ich glaube, es ist Teil des Spiels, dass wir ahnen, in welche Richtung sich die Realitäten verschieben werden. Ganz sicher ist man sich dann doch nicht, und genau von dieser Ambiguität lebt der Film. Daher seine künstlich wirkende Bilderwucht. Wir können uns nie sicher sein. Der Film setzt uns in eine Welt, die uns keine Realität vorgaukelt, sondern seine Fragilität zum Thema macht. Der Film – wie könnte es anders sein bei Scorsese – ist auch ein Film über Film.“

„Ah ja? Wie meinst du das?“, sagt Barbara scharf und schaut mich an, als wäre ich Johnnys Geliebte. „Ehm, nun ja“, sage ich unsicher. „So wie Teddy Daniels nach Erklärungen sucht, den Verschwörungstheorien verfällt, seine Schuld verneint, so verhalten wir uns auch als Zuschauer. Wir verfallen gar schnell der Geschichte auf der Leinwand, gefallen uns als verängstigte Unbeteiligte, liefern uns den Bildern aus, prüfen vage die Plausibilität der Geschichte, lassen uns durch die Autorität des Filmes bereitwillig vom Plot, und sei er noch so abstrus, verführen und kuscheln uns in die Rolle des Opfers. Und so ist die Shutter Island aufgebaut: als Rollenspiel. Was uns zu Beginn unnatürlich scheint, ist in Tat und Wahrheit unnatürlich. Er füttert uns mit Erklärungen, die wir nicht essen wollen. Immer wieder. Das bringt die ganze Insel zum Zittern.“

Barbara hält sich ihr leeres Glas vor das Gesicht und starrt mich an. Dann sagt sie: „Der Film handelt von Wahrnehmungen. Jeder sieht die Welt mit seinen eigenen Augen. Und du siehst einen Film über Film, weil du Filmkritiker bist. Ich frage mich bloss, warum ich dann eine Geliebte hinter Johnnys seltsamen Verhalten sehe. Irgendeine billige Erklärung jedenfalls nähme ich mit Handkuss.“

Auge vollAuge vollAuge vollAuge vollAuge leer

(Shutter Island, USA 2010, Regie: Martin Scorsese, Schauspieler: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow)

Stanley Donwood: “Red Maze” in Heerlen, Holland

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Überspitzt formuliert: Stanley Donwood ist der bessere David Lynch. Er bewegt sich auf klassischem Lynch-Territorium. Bloss löst sein visuelles Grauen mehr Verstörung aus.

Das Unheimliche, das uns aus den Spalten des Unerklärlichen entgegenschwärt, hat Donwood in eine bedrohliche Bildwelt umgesetzt. Dabei bleibt er, obwohl auch er Schrift und Grafik verwendet, in diesem schwebenden Zwischenraum, der uns verunsichert, weil wir uns einerseits nicht in die Welt der klaren Bezüge flüchten und weil wir andererseits aber auch nicht ins Schwammige (und damit ins Unnahbare) von Farbe und Form eintauchen können.

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Bekannt wurde Stanley Donwood vor allem durch die Cover- und Albumgestaltungen, die er für Radiohead und Thom Yorke entwarf. Unvergessen bleiben die Collagen für OK Computer, die weinenden Minotauren für Kid A, die wuchtigen Gemälde für Amnesiac oder die Linolschnitte des überfluteten Londons für Thom Yorkes Meisterwerk The Eraser.

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Für den Glaspaleis in Heerlen im Süden von Holland baute Donwood im Keller ein rotes Labyrinth (Red Maze) aus Holz und beklebte und behängte und installierte, was die Kunst hergab. Daraus entstand ein Gesamtkunstwerk, welches die breite Palette seines Schaffens spiegelt: Druck- und andere Reproduktionstechniken, Malereien, Wortgrafiken, Texte, Kurzfilme und oben genannte Coverarbeiten.

Noch sind die Werke von Stanley Donwood erschwinglich. Wer sich interessiert, schaue sich auf seiner Website um: http://www.slowlydownward.com/. Immer mal wieder schaltet er Schnäppchen zum Kauf frei.

Screenology #34: Nine

Nine(Illustration: Emma Isacson)

Das war einer dieser Tage. Kaum zu Hause angekommen, wollte ich gleich wieder raus. Das kann’s nicht gewesen sein. Also schletze ich ein Müsli runter und renne ins Kino. Ab heute läuft der neue Scorsese. Shutter Island. Immer wieder verschoben. Heute ist es soweit.

Ist es doch nicht. Die junge Dame an der Kasse erklärt meinem erst vorfreudigen, dann verblüfften, schliesslich enttäuschten Gesicht, dass heute gar nicht Donnerstag, sondern Mittwoch sei und der Film darum gar nicht laufe. Missmutig studiere ich das Programm. “Welchen Ersatz können Sie mir denn empfehlen?” Sie meint tröstend: “Lovely Bones soll gut sein. Obschon ziemlich traurig.” Ich sage: “Na gut. Geben Sie mir ein Ticket für Nine.”

Im Trafo 1? Den grössten Saal für das All-Star-Musical, das so zerrissen wurde? “Für die Programmierung unterliegen wir gewissen Einschränkungen”, sagt die nette, junge Dame. “Manche Filmverleiher knüpfen Bedingungen an den Film. Sie schreiben vor, dass er in den Startwochen im grössten Saal läuft.”

Ich muss warten, trinke Cola Zero und beobachte die Leute, ausschliesslich Frauen, zu zweit, zu dritt, in grossen Gruppen, sie gehen aufs Klo, lachen und verschwinden im Trafo 2. Ich halte es nicht mehr aus und frage den Platzanweiser: “Entschuldigen Sie, welcher Film läuft denn im Trafo 2? Warum gehen dort nur Frauen hinein?” Er schaut nach: “Valentine’s Day.” Wir lachen beide.

Ich sitze in der Reihe 8, Platz 15, volles Leinwandvergnügen und Bewegungsfreiheit für die Beine, weil da ein breiter Gang Platz macht. Bloss sitzen nun zwei Frauen neben mir, die wahrscheinlich vor lauter Plaudern zu spät dran waren für Valentine’s Day, sich drum nur mässig für den Film interessieren und frischfröhlich in normaler Lautstärke schwatzen, als hätten sie sich Jahre nicht mehr gesehen. Ich zische. Für fünf Minuten ist es ruhig.

Der Film? Ein Musical mit manch guter Nummer und abgedroschener Story. Irgendetwas Überambitioniertes zwischen Fellinis 8 1/2 und Bob Fosses All that Jazz!, dem der Mut abhanden gekommen ist und der nun flau daher plätschert. Daniel Day-Lewis, der den Regisseur in der Schaffenskrise spielt, ist die Lebensgier nicht anzumerken, auch nicht die einstige. Was wollen denn all die Frauen von ihm? Kidman, Cruz und Cotillard sind wie gewohnt eine Klasse für sich. Auch Judi Dench. Und Sophia Loren konzentriert sich darauf, ihr Gesicht so wenig als möglich zu bewegen. Nun ja, vielleicht kann sie es auch gar nicht mehr bewegen. Anyway, who cares.

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(Nine, USA 2009, Regie: Rob Marshall, Schauspieler: Daniel Day-Lewis, Marion Cotillard, Penelope Cruz, Nicole Kidman, Judi Dench, Kate Hudson, Sophia Loren)

David Lynch: “Dark Splendor” in Brühl, Deutschland

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Chris Rodley: Empfinden Sie die Malerei noch immer als Ihre Hauptbeschäftigung, aus der alles andere entsteht?

David Lynch: Ja. Die Malerei kann wahre Aussagen über alle Aspekte des Lebens machen. Das Gleiche gilt für die Musik. Es gibt Dinge, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Darum geht es in der Malerei und beim Filmemachen. Es gibt Wörter, und es gibt Geschichten, und mit dem Film kann man Dinge erzählen, die man mit Worten nicht erzählen kann. Das ist die wunderbare Sprache des Kinos. Es hat etwas mit Zeit und Simultanität zu tun und all den Regeln der Malerei. Die Malerei zieht sich durch alles hindurch.

(Rodley, Chris: Lynch über Lynch. Frankfurt am Main, 2006)

David Lynch war zuerst Maler und Zeichner, bevor er zum Film kam. Und zum Film kam er über den Animationsfilm. So sind im Max-Ernst-Museum in Brühl, das von Köln aus leicht zu erreichen ist, nicht nur seine Bilder, sondern auch vier seiner wenig bekannten Kurzfilme aus seiner Anfangszeit zu sehen.

Was Lynch am besten kann, nämlich eine eindringliche Atmosphäre aus Bild, Geräuschen, Musik und Text schaffen, welche verdrängte Tiefen in uns schwingen lässt, das versucht er auch in dieser Ausstellung. Gelingen tut es ihm nur teilweise.

Lynch Distorted-Nude

Grossartig sind die Fotografien, insbesondere die Reihe “Distorted Nudes”, wo er nackte Frauenkörper digital zerstückelt und in verfremdeter Form wieder zusammensetzt. Das ist Lynch pur, weil er mit Seherwartungen spielt, sie nicht nur unbefriedigt lässt, sondern auch Ängste an die Oberfläche bringt, die uns erschrecken, weil sie in uns und nicht in den Bildern stecken.

Ebenso irritierend und darum spannend war eine kurze, farbige Fotoreihe, die Gesichtspartien in kräftigen Farben und kleinen Scharfbereichen zeigte. Die Ästhetik des ersten Blicks verfliegt beim genaueren Hinsehen und man ist plötzlich fasziniert von der deckenden Schicht Make-up und Lippenstift. Was sehen wir, wenn wir Haut sehen, die keine ist?

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Die schwarzgrauen Aquarelle oder Lithografien, welche Worte oder kurze Texte in einen Zusammenhang mit angedeuteten Klecksen oder groben Strichen bringen, funktionieren hin und wieder und schwemmen Fragen ins Bewusstsein. Mit der Menge verlieren diese Bilder – und es gibt viele von ihnen – die Wirkung. Zudem zeigt es einmal mehr, wie schwierig es ist, Schrift und Bild zu einem mehrschichtigen Ganzen zu vereinen. Oft engen Worte ein, die Bilder öffnen.

Langweilig waren vor allem seine alten Foto-Reihen über die Industrie und über Vorstadt-Schneemänner, die schmelzen. Idee und Ausführung wirken veraltet. Auch die Klanginstallationen tragen nicht viel bei. Das hat Lynch in all seinen Filmen schon besser gemacht.

Die Ausstellung “Dark Splendor” ist ein Erfolg für das Max-Ernst-Museum in Brühl. Sie zeigt die Facetten eines grossen Künstlers. Hoffen wir, dass er wieder abkommt, seine grossartigen Visionen an die “Universität des unbesiegbaren Deutschland”, welche die Mönche der Transzendentalen Meditation in Berlin bauen wollen, zu verschwenden, und sie stattdessen wieder in die Kunst – egal ob Malerei, Fotografie, Film oder Musik – investiert.

Screenology #33: A Serious Man

ASeriousMan(Illustration: Emma Isacson)

Der Saal schliesst für einen Moment sein grosses Auge und wird dunkel. Der Film beginnt und allmählich verebben die Gespräche. Vorne links, wo das grünweisse Rennmännchen knapp dem Feuer entkommt, blinzelt die Türe und das Sterk-Fräulein im roten Gilet lässt drei Männer hinein. Sie drängen sich an uns vorbei, prosten laut, und ich brumme zu Tristan: „Scheiss-Samstagabendpublikum.“ Aber der grunzt bloss „Ach, ich will auch“, steht auf und geht kurzerhand zwei Bier holen. Noch bevor er wieder sitzt, fragt er: „Habe ich etwas verpasst?“

Bei Larry Gopnik, einem jüdischen Physikprofessor in einer amerikanischen Kleinstadt, geht alles schief. Die Kinder nehmen ihn nicht ernst, sein Schwager nervt, die Frau will die Scheidung, ein Student erpresst ihn, anonyme Briefe verhindern die akademische Karriere. Wie das Leben halt so spielt. Aber warum ich?, fragt sich der grundanständige Gopnik und sucht, derweil sich Unglück an Unglück reiht, Rat bei den drei Rabbis seiner Kommune.

Der erste meint: „Schauen Sie sich diesen Parkplatz an, das ist eine Frage der Wahrnehmung. Öffnen Sie Ihre Augen.“ Der zweite erzählt ihm eine Geschichte von einem Zahnarzt, der bei einem Patienten an der Innenseite der Zähne die hebräische Botschaft „Hilf mir!“ entdeckt und verzweifelt nach der Ursache forscht. „Was soll diese Geschichte bedeuten?“, fragt Gopnik. „Ist das wichtig? Wir können nicht alles wissen!“, verwirft der Rabbi die Hände.

Unterdessen schlägt das Schicksal unvermindert auf Hiob ein. Zum dritten – dem ältesten! dem weisesten! – Rabbi wird er nicht einmal vorgelassen, sein bekiffter Sohn Danny hingegen schon, weil seine Bar Mitzwa diese Ehre für ihn bereithält. Der geheimnisvolle Rabbi gibt ihm das beim Thora-Unterricht konfiszierte Radio zurück und zitiert aus einem Song von Jefferson Airplane: „Wenn die Wahrheit zur Lüge wird, wenn die Lebensfreude in dir stirbt, was dann?“

Schon bald kommt der Abspann, die Samstagabendmeute steht auf, die drei Männer drücken sich in ihren H&M-Streifenpullover an uns vorbei, die Bierflaschen fallen klirrend unter die Sitze. „Sag was Kluges für deine Kolumne“, raunt Tristan. „Nun ja, offenbar gibt es keine Antworten auf die Leiden des Lebens“, sage ich. „Ho! Ho! Das ist aber weise!“, lacht Tristan.

Ich beachte ihn nicht: „Der letzte Rabbi hat Recht. Was bleibt uns denn? Wir können grad so gut Rock’n Roll hören. Wir erfinden tagtäglich Kausalketten so lange wie Gopniks mathematische Gleichungen an der riesigen Wandtafel, basteln verbissen an unseren Lebensläufen und kriegen im Vakuum des Warums trotzdem keinen Boden unter die Füsse. Der Kälte des Zufalls entkommen wir nicht.“ Tristan schaut mich an, als bereue er schon, dass er mich aufgefordert hat. Schnell will er das Thema wechseln: „Und was soll die amerikanische Flagge am Schluss?“

„In amerikanischen Blockbustern weht sie jeweils das triumphale Ende herbei. Hier wird sie vom Tornado zerrissen. Hollywood gaukelt uns vor, dass wir unseres Glückes Schmied sind. Wir müssen uns nur anstrengen. Die Coen-Brothers halten uns Larry Gopnik entgegen, der seine Bestrafung verstehen will. Erst dadurch wird er schuldig. Er sucht Verbindungen zwischen den Zufälligkeiten. Er weigert sich die Unkontrollierbarkeit des Lebens anzuerkennen. Das ist gleichzeitig kafkaesk und postmodern, weil…“ Tristans Lachen platzt in den leeren Saal. „Sieh dort. Auf dem Abspann“, gluckst er. „No Jews were harmed while making this film.“

Auge vollAuge vollAuge vollAuge vollAuge leer

(A Serious Man, USA 2009, Regie: Joel und Ethan Coen, Schauspieler: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick)

Screenology #32: Avatar

Avatar

(Collage: Emma Isacson)

- Und? Sag schon, wie ist dein Urteil?

- Wie oft hast du ihn nun gesehen?

- Das war das dritte Mal. Aber irgendwie hat die Shutterbrille nicht funktioniert. Null 3D-Effekt diesmal.

- Das kommt vom Kiffen, Tristan. Deine Augen sind zu langsam. Mir wurde ziemlich schwindlig, als Shack vom Geklippe in die Tiefe blickte. Schon eindrücklich.

- Ja? Hat er dir gefallen?

- Die Bilder sind geil.

- Und sonst?

- Naja, ich weiss nicht, die Frage ist doch: Wiegt die orgiastische Bilderwelt und die zweifellos beeindruckende Cinematographie die lächerliche Geschichte auf?

- Aber die Geschichte ist doch gute Unterhaltung. Ein bisschen Öko- und Ethnokitsch, eine Liebesgeschichte, klare Grenzen zwischen Gut und Böse, zweidrei Lacher und viel Action. Was willst du mehr?

- Ich habe keine Probleme mit der Phantasiewelt. Ich kaufe ihm all die Tiere, all die physikalischen Besonderheiten, ich kaufe ihm sogar den MacGuffin Unobtainium ab, obwohl das ein saudoofer Name ist und mir nie klar wurde, warum dieser Bodenschatz den Menschen so wichtig ist.

- Ist doch scheissegal. Ist ihnen halt einfach wichtig. Energie und so.

- Aber die Dialoge sind lausig und manche Wendepunkte der Geschichte sind ungenügend motiviert.

- Beispiel?

- Also gut. Der Dialog, als Jack Sully seiner blauen Herzensdame erklärt, dass er geschickt wurde, um sie von einer Umsiedlung zu überzeugen, und ihr also gesteht, sie angelogen und ausgenutzt zu haben, ist derart unbeholfen, dass ich beinahe lachen musste. Und warum eigentlich sagt ihnen nie jemand, dass sie auf den grössten Unobtainium-Vorkommen sitzen? Ist das auch nicht wichtig? Seine Rede als Anführer – zur Anstachelung der Na’vis vor der entscheidenden Schlacht gedacht – hätte mich wahrscheinlich zum Deserteur gemacht. Das ist einfach schlecht geschrieben.

- Mann, bist du pingelig! Und was ist mit den Wendepunkten?

- Das Militär hat seltsamerweise keinen Zugang zu irgendwelchen Avatars, in denen sie ausgebildete und loyale Soldaten stecken könnten. Weil sie so teuer sind, wird suggeriert. Steckt das amerikanische Militär der Zukunft in Budget-Nöten? Hat nicht so ausgesehen. Die Wissenschafter stecken einen querschnittgelähmten Ex-Marine in den superteuren Avatar. Weil der Avatar so teuer ist und weil Jack Sully der einzige mit derselben DNA ist. Und im Garten tummeln sich plötzlich Dutzende solcher Menschen-Na’vis?! Plötzlich muss unbedingt gegen die Na’vis losgeschlagen werden. Es gibt keinen Aufschub. Warum? Zuvor haben sie Monate gewartet. Woher die Dringlichkeit? Mister Cameron, was hat zur Krise geführt? Michelle Rodriguez kann einfach den Befehl verweigern und ihr Manöver abbrechen, ohne je bestraft zu werden. Dabei wirkte gerade ebendieser Colonel so, als wäre er nicht gerade sehr nachsichtig.

- Mann, hör auf, du verdirbst mir den Film.

- Die Wissenschafter können ungehindert ihr Labor in der Hochsicherheitszone abbrechen und in der ach so wahnsinnig gefährlichen Wildnis einen Container hinstellen und dort arbeiten. Wer hat hier überhaupt das Sagen? Bezahlt das Unternehmen, das mit Unobtainium handelt, die ganze Operation?

- Ist ja gut. Es reicht.

- Und die Musik! Ich habe noch gar nicht von der Musik gesprochen!

- Hör auf. Spar dir dein superkritisches Gelaber für deinen Kolumnenscheiss. Eines möchte ich aber noch wissen. Wiegen die Bilder nun die Geschichte auf?

- Irgendwie schon. Das macht den Film zwar nicht zu einem Meisterwerk, aber zu einem total neuartigen Erlebnis, das schlussendlich ziemlich unterhaltsam war.

- Na also. Nun lass uns eins kiffen.

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(Avatar, USA 2009, Regie: James Cameron, Schauspieler: Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver)

Screenology #31: Where the Wild Things Are

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Ganz gemütlich bei einem Brunch wollte Sara über die Sache reden, über die Sache, die entsteht, wenn mein bester Freund mit meinem besten Flirt. Ganz ungemütlich bin ich dann abgehauen. Habe die Türe geschletzt, bin die Treppe hinab gepoltert und durch die einsamen Sonntagsgassen gestapft. Sara und Tristan waren nebeneinander gesessen. Ich ihnen gegenüber. Sie hatten sich vertrauensvolle Blicke zugeworfen. Ich hatte erzählt. Sie aber hatten gekichert. Über irgendetwas, das ich nicht verstand. Ich war abgehauen. Ins Nachmittagskino.

Nun, nach dem Film, steige ich reumütig die Treppe hoch, zögere, sehe Licht durch den Vorhang der Glastüre, höre gedämpfte Stimmen. Ich klopfe leise. Sara macht auf, nimmt mir den Mantel ab: „Möchtest du einen Kaffee?“ Ich sage: „Ich habe mir Where the Wild Things Are angeschaut. Den neuen Spike Jonze. Kannst du dich an Being John Malkovich erinnern?“

Tristan schlurft aus Saras Zimmer an mir vorbei in die Küche, gibt mir eine schmerzhafte Kopfnuss, öffnet drei Bier und bietet Zigaretten an: „Wie war der Film?“

Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll, und stammle. „Wisst ihr… Also, das mit euch… Ich meine, was ich sagen will: Schon okay.“ Die Beiden schauen mich grossäugig an und als ich meinen Blick auf Sara richte, senkt sie den ihren. „Wirklich“, sage ich. Tristan starrt mich an und fragt wieder: „Wie war der Film?“

„Nun ja, weisst du, dieser Junge im Film, Max, er will spielen, hat niemanden, macht ein Iglu, die Freunde seiner Schwester zerstören es, die Schwester lässt ihn ihm Stich, seine Mutter nimmt einen Mann nach Hause, Max dreht durch. Tönt wie immer, ist aber mit einer derart berührenden Intensität gefilmt, dass die schnellen Stimmungswechsel des Kindes völlig glaubhaft werden.“

Tristan rülpst und sagt: „Ich dachte, da kommen so Zottelriesen vor.“ Ich schaue Sara an, die gute Miene macht. Also erzähle ich weiter: „Jaja, Max geht nun auf eine Insel, wo die Wilden Kerle wohnen. Sie wollen ihn auffressen, aber weil er sich wehrt, wird er ihr König. Erst tut ihm alles gut. Sie machen Krach und wilde Spiele, wollen mit ihm befreundet sein, wollen nur Glück und Freude. Dann schleichen sich die Probleme von zu Hause auch in seine Phantasiewelt. Eifersucht, Selbstsucht, Sehnsucht.“

Sara steht auf und räumt Sachen vom Tisch, leert den Aschenbecher. Tristan holt Bier: „Nichts für mich. Hört sich eher nach einem Brabbelfilm an.“ Sara fragt interessiert: „Wie hat er dir gefallen?“

„Ich habe mich verstanden gefühlt. Unwillkürlich ging mir jede Regung von Max und den Wesen unter die Haut. So funktioniert die Kinderwelt. Was Lust macht, jetzt, ist gut. Was Unlust macht, ist schlecht. Freunde sind keine Plüschtiere. Sie antworten mit ihren eigenen Bedürfnissen. Max lernt auf zauberhafte Art und Weise eine der schwierigsten Lektionen der Sozialisation. Das Wir ist ohne ein bisschen Ich-Verlust nicht zu haben.“

Tristan ist kein Mann der grossen Worte, aber immerhin ein Mann der Gesten. Er streckt mir sein Bier hin, wir prosten. „Werd erwachsen, Trotzkoppe“, sagt Tristan. Die Sache ist gegessen. Mit Sara werde ich wohl ein anderes Mal sprechen müssen.

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(Where the Wild Things Are, USA 2009, Regie: Spike Jonze, Schauspieler: Max Records, Catherine Keener)

Screenology #30: Bright Star

BrightStar

(Illustration: Emma Isacson)

“Schon Pause”, sage ich und lehne mich zufrieden zurück. Jane Campion erzählt auf berührende Weise – aber ohne in die Kitschfalle zu tappen – das Wachsen einer Liebe zwischen einer jungen Frau, die selbstbewusst ihre extravaganten Kleider zur Schau stellt sowie schlagfertige Wortgefechte führt, und dem mittellosen Dichter John Keats, dessen Schreiben erst nach seinem Tod Berühmtheit erlangte.

“Schon? Schon, sagst du? Ihr wollt den Film zu Ende schauen?” Ich sitze zwischen Sara und Meryem. Sara mag Schnulzen. Sie schwelgt. Schweigsam. Meryem mag Zweiohrküken. Und Meryem mag keine langen Einstellungen mit Blicken, denen man die Spannung aus dem Gesicht lesen muss. “Da passiert ja nichts”, sagt sie. Sara schaut sie fragend an: “Ach ja? Ich finde, da passiert allerhand.” Meryem steht auf, steckt sich eine Zigarette in den Mund. “Ach du! Du hast nichts zu melden. Du bist verliebt. Du würdest jeden Schwulst aufsaugen.” Sagts und geht raus.

Jetzt sitzen wir alleine hier. Sara und ich. Die Gelegenheit, sie nun nach Tristan zu fragen, wäre günstig. Zu fragen, ob, da sie ja offenbar verliebt sei, das vielleicht etwas mit Tristan zu tun haben könnte. Und da ja Tristan mein Freund, also, eigentlich einer meiner besten Freunde, wenn ich’s bedenke, würde ich sagen, er ist mein bester, und weil ja Sara und ich, nun, jedenfalls früher, da war doch was. Zwischen uns. Ob… Nun, die Gelegenheit wäre günstig, aber ich bin ausserstande die lauschige Art und Weise, wie Sara ihren Kopf auf meine Seite neigt und zufrieden ins Leere lächelt, zu stören.

“Überall sind Wände”, sage ich stattdessen. “Immer sind Wände dazwischen. Oder Fenster. Türen. Sie steht im Garten, er am Fenster. Er zieht mit seinem Freund Charles Brown nebenan ein. Sie klopft an die Türe. Immer ist etwas dazwischen. Sie werden stets von Samuel, ihrem Bruder begleitet. Oder Charles Brown macht abschätzige Bemerkungen.” Sara schaut mich träumerisch an: “Ja, und trotzdem lieben sie sich. Trotzdem können sie einander nicht aus dem Weg gehen.” Ich werde plötzlich wütend. Ich vermute Tristan in ihren Gedanken. “Nein, nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Weil sie sich nicht haben dürfen, lieben sie sich. Liebe ohne Widerstand ist wie Heldentum ohne Hindernisse.”

Nach dem Film trinken wir Wein und Meryem meint: “Ich hatte viel Zeit, die Einrichtung zu studieren. Die Nischen mit den gepolsterten Bänken fand ich super. Leider machen sie die heute nicht mehr. Aber genau so eine Fensternischenbank möchte ich.” Sara und ich lachen. Meryem ist erfrischend. “Und das Kind ist vom Pöstler. Der hatte als Einziger rote Haare.”

Sara sagt: “Wie Jane Campion die Entwicklung dieser jungen Frau gezeigt hat, fand ich sehr eindrücklich. Am Anfang war sie rechthaberisch und rebellisch. Mit der Liebe ist eine Frau aus dem Mädchen geworden. Das Eingestehen ihrer Verletzlichkeit hat sie stark gemacht. Plötzlich stand nicht mehr ihr Bemühen um Anderssein im Vordergrund, sondern ein gewachsenes Sichselbstsein. Kein störrisches Ich-will, sondern ein echtes Das-bin-ich.” Nachdenklich schaue ich Sara an und frage mich, ob sie wirklich von Fanny Brawne spricht.

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(Bright Star, 2009, Regie: Jane Campion, Schauspieler: Abbie Cornish, Ben Wishaw, Paul Schneider)

Gesöff

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Auszug aus der zehnteiligen Serie Gesöff (Lägerebräu 2009)

Screenology #29: The Imaginarium of Doctor Parnassus

TheImaginariumOfDoctorParna

(Illustration: Emma Isacson)

“Ich wüsste gerne, welche Vorstellungswelt bei dir entstehen würde, wenn du durch diesen Spiegel gingest”, sage ich zu Barbara, die mir grad den Kopf über Heath Ledger vollgeschwärmt hat. Ja, er war ein Ausnahmetalent. Ja, es schauderte mich auch, als ich ihn dort hängen sah. Ja, er hat eine eindrückliche Leinwand-Präsenz. Können wir jetzt das Thema wechseln? “Erzähl du mir, wie du dir meine Parnassus-Welt vorstellst”, gibt Barbara zurück und schmunzelt, als hätte sie mir eine Falle gestellt.

Ich fühle mich herausgefordert: “Also gut. Du gehst durch den Spiegel und, ehm, und befindest dich in einem riesengrossen Kinderzimmer, in dem es von Kindern nur so wimmelt, die lieb miteinander spielen und…” Barbara hält ihren Kopf schief und runzelt fragend die Stirn. Ich fange von vorne an: “Nein, es ist anders, du spazierst durch Weimar zu Beginn des 19. Jahrhunderts und triffst Goethe und Schiller.” Barbara lacht: “Du kennst mich schlecht. Und wie würde mich der Teufel zu verführen versuchen?” Ich bin verunsichert: “Er würde vielleicht ein Kino aufstellen, das einen Film mit dem Titel The Imaginarium of Doctor Parnassus zeigt?”

“Ich glaube, da würde er verlieren”, sagt Barbara und streckt mir zwinkernd ein Zigarettenpäckchen entgegen. “Nein, danke”, sage ich. “Hat er dir nicht gefallen? Mir gefiel das Spiel mit der Vorstellungswelt, die mächtiger als die Realität ist. Mir gefiel die Spielsucht des Teufels, der nicht so sehr auf Vernichtung aus ist, sondern auf teuflische Wetten. Mir gefiel Heath Ledgers Rolle als Tony, der ein unverbesserlicher Schwätzer ist und mit seiner luschen Art viel mehr schmutzige Verführung ausstrahlt als Parnassus und der Teufel zusammen. Kein Wunder, dass die beiden ihn loswerden müssen.”

Wir stehen in der Kälte vor dem Kino. Barbara hört aufmerksam zu, schaut hoch zu den Sternen am Himmel und sagt: “Mag ja alles sein und ich hätte noch lange diesem absurden Jahrmarktswagen und seiner veralteten Bühne  zuschauen können, aber die Sequenzen auf der anderen Seite des Spiegel fand ich irgendwie langweilig. Ich weiss nicht warum.”

Barbara atmet den Rauch aus und blickt wieder zu den Sternen hoch. Unwillkürlich folge ich ihrem Blick und habe plötzlich das Gefühl, als sei die Welt, in der wir leben, wunderlich genug. “Vielleicht”, beginne ich vorsichtig, “vielleicht haben die Szenen im Spiegel dasselbe Problem wie alle Traumsequenzen in Filmen. Sie stolpern über ihre Symbolhaftigkeit. Im Film leben die Dinge von ihrer Doppeldeutigkeit. Eine Rose ist zuerst einmal eine Rose, die ich mir als echte Rose, die geschenkt wird, vorstelle. Sie trägt möglicherweise die Bedeutung, die sie schon zuvor trug, eine rote Rose mag ein Zeichen der Liebe sein. Im Film kann sie weitere Bedeutungen mittragen. Im Traum wird die Rose zu einem simplen Symbol reduziert. Und das wird langweilig.”

“Mm-mh”, meint Barbara und hält ihre Hand dem fallenden Schnee hin. “Interessant fand ich es auch, die Tony-Schauspieler zu vergleichen. Jude Law war am schwächsten. Colin Farrell hat mir gut gefallen. Aber keiner kam an Heath Ledger heran.” Nicht schon wieder, denke ich und staune über den schönen Moment, wir hier unter dem eiskalten Nachthimmel und die Flocken beim Fallen. Wir verabschieden uns. Ich drehe mich noch einmal um und singe: “We are the children of this world. And we have suffered for your sins. But if you open up your hear…”

Auge vollAuge vollAuge vollAuge leerAuge leer

(The Imaginarium of Doctor Parnassus, F/CAN/GB 2009, Regie: Terry Gilliam, Schauspieler: Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Lily Cole, Tom Waits, Christoph Plummer)